Perfekte Fotos

Es ist die Quadratur des Kreises: Während in der Realität um uns herum ständig die Bewegung tobt, ist die Fotografie ein vollkommen statisches Medium. Was einmal auf dem Bild zu sehen ist, bleibt. Dennoch haben wir als Fotografen viele Möglichkeiten, die Bewegung in unsere Bilder einzuladen und dort ganz gezielt zu steuern…

Etwas oder jemanden mitten in der Luft hängen zu lassen, ist unnatürlich und widerspricht unseren Sehgewohnheiten. Gerade weil wir es in der Realität mit eigenen Augen nie sehen könnten, betrachten wir das Bild mit erhöhter Aufmerksamkeit und lassen uns kein Detail entgehen.

Was für uns Menschen nur ein kaum wahrnehmbarer Augenblick ist, ultrakurz und ohne Dauer, ist für die Kamera doch eine Zeitspanne, die sich klar definieren lässt. In dieser Zeit kann sich eine ganze Menge mehr ereignen, als die menschliche Wahrnehmung erfassen kann. Wenn eine Vase vom Tisch fällt, nehmen wir nur ein „Huch!“ und ein „Klirr!“ wahr. Für die Kamera zerfällt das Ganze hingegen in verschiedene einzelne Bilder: Die Hand stößt gegen die Vase, die Vase neigt sich, sie kippt, sie fliegt, sie trifft auf den Boden auf, sie zerspringt, das Wasser spritzt bis irgendwann alles wieder zur Ruhe kommt.

Bewegungsfotografie

In der Fotografie läuft es – technisch gesehen – immer auf die beiden Faktoren Blende und Zeit hinaus, die gegeneinander abgewogen und ins richtige Verhältnis gesetzt werden müssen. Dabei haben sie nicht nur die Aufgabe, ein richtig belichtetes Bild einzufangen, beide haben auch sehr wichtige gestalterische Auswirkungen auf unser Endergebnis. Während die Blende Einfluss auf die Tiefenschärfe ausübt, ist die Zeit für die Bewegung zuständig.

Verschluss

Unter der Einflussgröße Zeit versteht man die Dauer, in der das Licht auf das lichtempfindliche Medium, den Sensor oder den Film fällt. Gesteuert wird das Ganze vom Verschluss, der direkt vor dem Sensor sitzt und ihn vollkommen lichtdicht abdeckt. Nur für einen Bruchteil einer Sekunde öffnet er sich und lässt Licht auf den Sensor fallen, um das Bild zu erzeugen. Wir reden hier also immer von zwei eschwindigkeiten, die zueinander in Bezug gesetzt werden – der Verschlussgeschwindigkeit und der Bewegungsgeschwindigkeit des Motivs. Sterne beispielsweise scheinen bewegungslos am Himmel zu stehen, und doch offenbaren Langzeitbelichtungen ihre Bewegungen relativ zur Kamera. Dafür können spritzende Wassertropfen so festgehalten werden, dass sie wie eine Skulptur aus Glas wirken. Und selbst wenn das Motiv sich nicht bewegt, wie beispielsweise in der Architekturfotografie, spielt noch eine dritte Geschwindigkeit mit hinein, die oft unterschätzt wird: die Bewegung der Kamera selbst.

Verwackeln

Eines der grundlegenden Ziele ist für die meisten Fotografen, ein scharfes Bild zu machen. Da aber niemand seinen Körper längere Zeit vollständig ruhig halten kann, übertragen sich dessen Bewegungen auf die Kamera. Je länger der Verschluss offen ist, desto stärker verschiebt sich das Motiv in Bezug auf den Sensor und mehrere Abbildungen überlagern sich etwas zueinander verschoben – das Bild wird unscharf. Durch das Zittern der Muskeln verläuft dieser Effekt in alle Richtungen und jeder Betrachter empfindet solche Bilder als technisch mangelhaft, auch wenn dieser Mangel das Bild nicht immer vollständig abwertet.

Um genau dieses Verwackeln zu vermeiden, gibt es je nach Verschlusszeit verschiedene Möglichkeiten, die Kamera zu fixieren. Mit der richtigen Kamerahaltung fängt es an: Wenn Sie mit der linken Hand die Kamera von unten halten, den linken Arm am Oberkörper abstützen und die rechte Hand nur zur Stabilisierung und zum Auslösen verwenden, werden Sie locker 1/125 Sekunde, vielleicht sogar 1/60 Sekunde noch verwacklungsfrei fotografieren können. Allerdings hängt das auch von der jeweiligen Brennweite ab: Je länger die Brennweite ist, desto stärker wirken sich selbst winzige Verwacklungen aus und desto kürzer ist die längste Verschlusszeit, die Sie noch verwacklungsfrei aus der Hand fotografieren können. Eine Faustregel besagt, dass der Kehrwert der Brennweite diese kürzeste Zeit sei – bei Kameras mit einem kleinen Sensor müssen Sie das Ergebnis aber noch mit dem Crop-Faktor multiplizieren.
Ein optischer Bildstabilisator kann diesen Wert um bis zu vier ganze Zeitschritte verlängern. Dabei handelt es sich um technische Vorrichtungen, die über Sensoren kontinuierlich die Bewegung der Kamera misst und sie über kleine Motoren wieder ausgleicht. Diese technische Vorrichtung kann entweder in den einzelnen Objektiven sitzen und dort dessen Linsen verschieben oder in der Kamera und den Sensor ausgleichend bewegen.

Für noch längere Verschlusszeiten greifen Sie am besten auf ein Stativ zurück. Die Einbeinstative tragen insbesondere bei schweren Objektiven die ganze Last und vermeiden unerwünschte Bewegungen, allerdings nur die vertikalen. Für – jedenfalls theoretisch – unbegrenzt lange Verschlusszeiten müssen Sie hingegen auf ein Drei-Bein-Stativ ausweichen, hier gilt die Regel: je stabiler und je schwerer, desto besser.

Haben Sie vor Ort jedoch kein Stativ dabei, legen Sie ruhig Ihre Kamera auf irgendetwas Stabiles und richten sie so aus, dass Sie den richtigen Bildausschnitt haben. Jetzt gilt es noch die kleine Verwacklung zu vermeiden, die durch den Druck Ihres Fingers auf den Auslöser entsteht. Nutzen Sie dafür den Selbstauslöser Ihrer Kamera, einige Modelle haben sogar extra einen mit nur zwei Sekunden Vorlaufzeit.

Verwischen

Derselbe Effekt wie beim Verwackeln lässt sich allerdings auch ganz bewusst als kreatives Gestaltungsmittel einsetzen, indem Sie die Kamera bei einer langen Verschlusszeit ganz gezielt bewegen. Je nachdem, welche Technik Sie dabei anwenden, sind die Verschlusszeiten von 1/4 Sekunde bis zu 1/60 Sekunde für diese Experimente gut geeignet.

Beim Stoßen halten Sie die Kamera an einem ausgestreckten Arm vor Ihr Motiv und fokussieren dieses. Anschließend halten Sie den Auslöser halb eingedrückt, ziehen den Arm wieder an sich heran und stoßen ihn mit einer möglichst gleichmäßigen Bewegung auf Ihr Motiv zu, während Sie auslösen. Das Ergebnis sind sehr dynamisch wirkende Streifen, die auf Ihr leicht verwackeltes, aber grundsätzlich erkennbares Motiv zulaufen. Einen ähnlichen Effekt erreichen Sie, wenn Sie den Brennweitenring ihres Zoomobjektivs während der Belichtung drehen. Das Ergebnis sieht ein wenig aus wie die Beschleunigung auf Lichtgeschwindigkeit bei Star Wars.

Alternativ dazu können Sie die Kamera während des Auslösens auch um die optische Achse Ihres Objektivs drehen. Auch das funktioniert einarmig am besten, die Drehung kommt ruhig aber kräftig aus dem Handgelenk. Im Ergebnis erhalten Sie dadurch Bilder mit einem scharfen Kern, bei denen die Wischspuren in Kreisform konzentrisch um Ihr Motiv angeordnet sind.

Eine weitere Kreativtechnik ist das Wischen, bei dem Sie Ihre Kamera in einer ganz bestimmten Richtung über das Motiv ziehen. Je kontrastreicher – sowohl bezüglich der Helligkeit als auch der Farbe – Ihr Motiv ist, desto besser funktioniert diese Technik. Dabei müssen es nicht immer nur gerade Striche sein, die Sie formen, auch Wellen oder sogar Formen wirken dabei gut.

Dieses Vorgehen können Sie auch mit einem Blitz kombinieren, den Sie dann allerdings auf den zweiten Verschlussvorhang synchronisieren sollten. Der nur extrem kurz leuchtende Blitz fängt dann das Motiv scharf und erkennbar ein, während das Umgebungslicht in Kombination mit der langen Verschlusszeit für die Wischspuren sorgt – eine spannende Kombination.

Eines sollten Sie aber bei all diesen Techniken berücksichtigen: Bewegen Sie die Kamera gleichmäßig und nur in eine Richtung oder in geometrischen Formen, denn nur dann wird das Ergebnis auch als gewollt und nicht als missglückt und fehlerhaft wahrgenommen. Und ein Weiteres ist all diesen Experimenten gemein: Der Zufall hat immer einen großen Einfluss auf das fertige Bild, weswegen die Ergebnisse auch nie exakt reproduzierbar sind.

Bewegungsunschärfe

Ähnlich und doch ein wenig anders ist es, wenn sich nicht die Kamera, sondern das Motiv bewegt. Der größte Unterschied besteht darin, dass sich nicht das ganze Bild bewegt, sondern nur ein Teil davon. Denn die Umgebung, der Hintergrund und einige andere Bildelemente bleiben bezogen auf die Kamera statisch, hier gilt dasselbe wie für ein unbewegliches Motiv: kein Verwackeln, die Kamera also ruhig halten. Die Bewegungsunschärfe ist übrigens das fotografische Mittel der Wahl, wenn Sie beim Betrachter mit diesem unbewegten Medium das Gefühl von Bewegung auslösen und bewirken wollen.

Bewegungsunschärfe

Welche Verschlusszeit Sie wählen, ist ganz von der Geschwindigkeit und der Richtung der Bewegung einerseits und von Ihrem persönlichen Geschmack andererseits abhängig. Eine Verschlusszeit von 1/500 Sekunde kann zwar reichen, um einen langsamen Jogger ohne jegliche Bewegungsunschärfe abzubilden, aber wenn Sie bei Autorennen an der langen Geraden fotografieren, haben Sie damit nur einen völlig verwischten farbigen Strich auf dem Foto. Und es macht einen enormen Unterschied, ob das Rennpferd frontal auf Sie zugaloppiert oder parallel zu Ihrer Kamera läuft. Bei Letzterem bewegt sich das Tier, bezogen auf das Sensorbild, erheblich stärker, Sie brauchen eine deutlich kürzere Zeit, um die gleiche Unschärfe zu erzeugen wie bei einer Frontalbewegung. Auch die Entfernung spielt eine Rolle, je weiter weg sich Ihr Motiv befindet, desto geringer wirkt sich die Bewegung aus.

Bei so vielen Einflussfaktoren gibt es keine Formel, mit der Sie den Grad der Unschärfe berechnen können, stattdessen müssen Sie es einfach ausprobieren. Bei einem einmaligen Schnappschuss werden Sie sicherlich raten müssen, aber wenn Sie dieses Gestaltungsmittel öfter einsetzen, stellen sich recht schnell die ersten Erfahrungswerte ein, zumal Sie mit der digitalen Technik das Ergebnis sofort auf dem Monitor beurteilen können.

Je länger Sie die Verschlusszeit wählen, desto stärker fällt die Bewegungsunschärfe aus. Wie stark Sie diesen Effekt einsetzen, ist natürlich Geschmackssache und Ihnen überlassen. Bedenken Sie aber, dass der Betrachter Ihrer Bilder letztendlich doch noch erkennen muss, was auf dem Foto überhaupt zu sehen ist, damit er das als Bewegung verstehen und einordnen kann. Andernfalls sieht er nur einen verwischten Fleck und empfindet das als ein fehlerhaftes Bild. Motive, die über ihren Umriss oder ihre Farbe sehr einfach zu erkennen sind, können Sie dabei länger belichten als solche, bei denen die feinen Details nötig sind, um sie identifizieren zu können. Ein tanzender Mensch wird beispielsweise sofort erkannt, die Bewegungsspur eines einfarbigen Balls könnte hingegen alles Mögliche sein.

Auch bewegen sich bei einem laufenden Motiv nicht alle Teile gleich schnell. Nah am Zentrum der Bewegung sind sie durch die Fliehkräfte langsamer als außen. Bei einem Läufer sind sie Arme und Beine unschärfer als der Körper, ebenso bei einem Pferd die Mähne. Dies können Sie dazu nutzen, um in Ihrem Bild nur teilweise und ganz sparsam dosiert eine dynamische Bewegung durch entsprechende Unschärfe anzudeuten.

Natürlich ist auch bei solchen Bildern der Erfolg immer zum Teil auch dem Zufall und dem Glück geschuldet, bis ins Letzte planbar sind sie nicht. Aber Sie können und sollten, um ganz sicher zu gehen, ruhig mehrere Bilder – auch mit unterschiedlichen Verschlusszeiten – machen und anschließend das beste auswählen. Am einfachsten ist das natürlich, wenn sich die Bewegungen immer wieder wiederholen oder Sie Ihrem Modell entsprechende Anweisungen erteilen können.

Die Wirkung von Bildern mit Bewegungsunschärfe entspricht unserer Wahrnehmung. Das menschliche Auge sieht bei einer Bewegung auch nicht alle Details, weswegen wir einen solchen Anblick gewohnt sind und als natürlich empfinden. Dementsprechend halten wir diese Bilder für glaubwürdiger, weil sie unseren Erfahrungen entsprechen. Gleichzeitig schenken wir ihnen aber auch weniger Aufmerksamkeit als einer künstlich eingefrorenen Bewegung, weil wir verstärkt auf das achten, was wir nicht kennen. Diese Wirkungen sollten Sie bedenken, wenn Sie Bewegungsunschärfe einsetzen, damit sie zu Ihrem gewählten Motiv und zu der von Ihnen geplanten Bildwirkung passt.

Einfrieren

Einfrieren

Anders sieht es aus, wenn Sie die technischen Möglichkeiten der Kamera nutzen und aus dem Schwung der Bewegung mit einer sehr kurzen Verschlusszeit ein Bild herauslösen, das aussieht als hätten Sie am DVD-Player auf die Standbildtaste gedrückt: Eingefroren hängt das Motiv in der Luft und statt der ganzen Bewegung ist ein comicartiger Ausschnitt daraus zu sehen. Wichtig ist aber, dass die Bewegung aus der Pose oder dem Zusammenhang deutlich zu erkennen ist, sonst wirkt solch ein Bild wie jedes andere. Denn auch bei Porträts beispielsweise ist Bewegung mit im Spiel, die wir aber nicht als solche wahrnehmen. Die Mimik eines Menschen ändert sich innerhalb von Sekundenbruchteilen und die Kamera löst einen einzelnen Zwischenstand heraus, dennoch empfinden wir ein Porträt, auf dem nicht gerade gelacht wird als unbewegt. Die Kunst beim Porträt ist übrigens, den richtigen Moment zu erwischen, in dem der Ausdruck passt und stellvertretend für eine bestimmte Stimmung stehen kann.

Auch beim Einfrieren gilt es, eine Verschlusszeit zu finden, die schneller ist als die jeweilige Bewegung. Da auch hier dieselben Einflussfaktoren gelten, helfen Erfahrungswerte und Ausprobieren dabei, den richtigen und gewünschten Grad des Einfrierens zu bestimmen. Gerade bei sehr schnellen Bewegungen ist es oft schwierig, das Bild noch richtig zu belichten, da für sehr kurze Verschlusszeiten auch sehr viel Licht vorhanden sein muss. Ideal sind dafür die zu Ihrer Kamera kompatiblen Blitze oder sogar eine Studioblitzanlage. Diese geben sehr helles Licht ab, allerdings mit zwischen 1/3000 Sekunden bis zu 1/60.000 Sekunden ultrakurz. Damit lassen sich selbst die Flügelschläge eines Kolibris wie gemalt festhalten.

Viel schwieriger bei sehr schnellen Bewegungen ist hingegen die Fokussierung, da es nur wenige Kameras gibt, deren Autofokus schnell genug reagiert. Wenn Sie die Bewegungsbahn Ihres Motivs abschätzen können, ist es manchmal einfacher, manuell vorzufokussieren. Aber auf jeden Fall sollten Sie die Blende so weit wie möglich schließen, um durch den erhöhten Schärfentiefebereich eventuelle Ungenauigkeiten bei der Fokussierung auszugleichen.

Ungewohntes erregt immer eine hohe Aufmerksamkeit, deswegen ziehen eingefrorene Motive den Blick viel stärker auf sich – sie zeigen uns etwas, was wir mit eigenen Augen so niemals sehen können. Unser Blick geht auf solchen Bildern spazieren, untersucht jedes Detail und analysiert die Bewegung. Gleichzeitig führt die technische Anmutung dazu, dass solche Motive als plakativer, künstlicher weniger emotional und unglaubwürdiger empfunden werden als Bilder mit Bewegungsunschärfe.

Mitziehen

Eine ganz spannende Mischung aus Einfrieren und Bewegungsunschärfe sind mitgezogene Bilder. Bei dieser Technik brauchen Sie ein Motiv, das sich parallel und im gleichen Abstand zu Ihnen bewegt. Folgen Sie mit der Kamera dieser Bewegung und lösen Sie mittendrin aus, erhalten Sie ein größtenteils scharfes Hauptmotiv vor einem gleichmäßig streifenförmig verwischten Hintergrund – ein sehr ungewöhnliches Bild mit hohem Aufmerksamkeitswert und hoher emotionaler und glaubwürdiger Wirkung.

Das Problem an dieser Technik ist, die Kamera ruhig zu halten und gleichmäßig zu ziehen, weswegen sie viel übung und eine ruhige Hand braucht. Wenn Sie sich daran versuchen, beginnen Sie die mitführende Bewegung Ihres Körpers bereits vor dem Auslösen, um das Wackeln zum Start auszuschließen.

Wie auch immer Sie die Bewegung mit Ihren Fotos einfangen, suchen Sie sich spannende Motive aus und arbeiten Sie deren Dynamik heraus. Fangen Sie den flüchtigen Moment ein und machen ihn sichtbar oder experimentieren Sie mit langen Verschlusszeiten und lassen Sie Leben, Emotion und Zufall in Ihre Bilder einfließen. In jedem Fall werden Sie sehen, dass Sie damit Bilder schaffen, die auch den Betrachter bewegen.