Die Kameratechnik kann und muss nicht ausschließlich dazu eingesetzt werden, ein Motiv eindeutig erkennbar und scharf abzubilden. Vielmehr bietet die Fotografie auch einen großen kreativen Spielraum.

Abstrakte Fotografie

Nutzen Sie die technischen Müglichkeiten der Fotografie ruhig auch einmal für Bilder, die sich nicht sofort auf den ersten Blick erschließen, sondern den Betrachtern Rätselvergnügen bereiten. Auf ungewühnliche Weise und stark abstrahiert aufgenommene Motive lassen die inhaltliche Ebene des Bildes in den Hintergrund treten und betonen stattdessen die bildgestalterische und technische Ebene. Das heißt, die Frage, wie und in welcher Form Sie einen Gegenstand oder eine Szenerie einfangen, wird für den Fotografen wichtiger als die Frage, worum es sich bei dem Motiv überhaupt handelt. Diese Frage wird an den Betrachter weitergegeben, der ganz unbewusst versuchen wird, das Bild zu entschlüsseln – unabhängig davon, wie abstrakt es ist.

Motive abstrahieren

Wenn wir von der abstrakten Fotografie sprechen, so verstehen wir darunter eine vereinfachte, einfache Bildsprache, die konkrete Details weglässt und sich auf plakative Formen, Farben und Strukturen beschränkt. Das bedeutet, das Motiv selbst wird nicht in seinem ganzen Facettenreichtum gezeigt, sondern in einer simplen, detailarmen Form. Dies erschwert in den überwiegenden Fällen auch die Erkennbarkeit dieses Motivs und führt zu einem Bilderrätsel, das der Betrachter – ganz automatisch – zu entschlüsseln versucht. Sieht er auf dem Bild beispielsweise eine rote Fläche, die voneiner silbernen Linie durchbrochen wird, so beginnt er dieses Motiv sofort mit seinem Bildergedächtnis abzugleichen, um eventuelle Gemeinsamkeiten herauszufinden. Lichtreflexionen lassen ihn dabei auf Materialien schließen, Schatten auf Anordnungen, Linienverläufe auf Formen. Mit etwas Glück beinhaltet das Bild genügend diffizile Andeutungen, um darin beispielsweise den Kotflügel eines roten Sportwagens zu erkennen.

Motive abstrahieren

Doch der Grad der Abstraktion kann auch so weit gehen, dass keinerlei Hinweise mehr gegeben sind und ein Erkennen des eigentlichen Gegenstandes unmüglich wird. Bei solchen Aufnahmen ist es wichtig, dass die Kombination aus abstrakten Formen und Farben zu einem faszinierendenGanzen wird, das den Betrachter auch dann überzeugen kann, wenn dieser das Motiv selbst nicht einordnen künnen wird. Das heißt, nicht-gegenständliche Aufnahmen müssen auf einer ganz eigenen Ebene ästhetisch wirken. In der Regel gelingt dies durch stimmige Farbkombinationen, die entweder aktivierende Kontraste oder beruhigende Harmonien anstreben – und damit hoffentlich auch den subjektiven Geschmack des Betrachters treffen.

Auch das nicht auf eine Farbwirkung, sondern auf Grafik ausgerichtete Spiel mit Linien, Flächen, Formen und Strukturen kann ausreichen, eine interessante Zusammenstellung von abstrakten Elementen zu erzeugen, die den Betrachter fesselt. Hier ist die Blickführung besonders relevant, das heißt der Verlauf der Linien im Bild, das Aufnehmen und Positionieren von Eyecatchern beziehungsweise Fixationspunkten für die Augen. Machen Sie sich Gedanken darüber, wo der Betrachter das Bild wahrzunehmen beginnt, und leiten Sie Ihn dann so geschickt durchs Bild, dass er müglichst lange innerhalb der Bildfläche unterwegs ist.

Die vier wichtigsten Punkte, die es dabei zu bedenken gibt, sind Folgende: Erstens beginnt die klassische Bildwahrnehmung oben links und endet entsprechend unserer Leserichtung unten rechts. Linien, die beispielsweise von links unten nach rechts oben verlaufen werden also als aufsteigend wahrgenommen, während die gespiegelte Diagonale sinkend wirkt. Zweitens folgt der Blick den im Bild vorhandenen Linien in Leserichtung, wobei dickere, gerade verlaufende Linien stärker wahrgenommen werden als geschwungene und unterbrochene. Drittens wird der Blick tendenziell von hellen und/oder mit ihrer unmittelbaren Umgebung stark kontrastierenden Bildbereichen angezogen. Und viertens sollten keine dominanten Linien oder angeschnittene helle Flächen direkt am Bildrand den Blick des Betrachters aus dem Bild herausführen.

Wenn Sie sich diese Punkte zunutze machen, ist eine geschlossene Blickführung innerhalb des Bildes auch oder gerade bei abstrakten Motivinterpretationen problemlos müglich.

Abstraktion durch Nähe

Um ein Motiv zu abstrahieren bieten sich Ihnen verschiedene Müglichkeiten und Herangehensweisen an, auf die wir im Folgenden eingehen müchten.

Die einfachste und wohl auch naheliegendste ist die Wahl eines entsprechenden Bildausschnittes: Gehen Sie so nah an das Motiv heran, bis es nicht mehr als Ganzes erkennbar ist, sondern lediglich ein kleiner Teil aufgenommen wird. Für welchen Teil Sie sich dabei entscheiden müchten, bleibt im Grunde Ihnen überlassen und hängt ganz davon ab, welchen Grad der Abstraktion Sie anstreben und welche Farben oder Formen Sie mügen oder zeigen müchten.

Wenn es Sie reizt, ein Motiv allein durch einen besonders nahen oder engen Bildausschnitt „unkenntlich“ zu machen, so benütigen Sie in den meisten Fällen ein Makroobjektiv, und Sie sollten sich genügend Zeit nehmen, um sich eine ganze Weile mit dem Gegenstand auseinanderzusetzen, ihn von verschiedenen Seiten zu betrachten. Geben Sie sich nicht mit dem erstbesten Bild zufrieden, sondern probieren Sie sich aus, und versuchen Sie verschiedenste Ausschnittvarianten, um unterschiedlich viel oder wenig zu zeigen.

Machen Sie sich gleichzeitig Gedanken über all die anderen Bildgestaltungsmittel, die Ihnen in der Fotografie zur Verfügung stehen, um nicht nur einen kleinen Teil des Gegenstandes herauszulüsen, sondern im Ergebnis auch ein überzeugendes Bild zu bekommen. Setzen Sie also Schärfeverteilung, Lichtrichtung und -qualität, Linienführung, Farben sowie so simple Gestaltungsmittel wie die Wahl des Hoch- oder Querformats bewusst und gezielt ein, um dem abstrahierten Motiv gerecht zu werden. Legen Sie dabei ein besonderes Augenmerk auf die Linienführung im Bild.

Abstraktion durch Perspektive

Abstraktion durch Perspektive

Motive, denen wir im Alltag ausschließlich auf Augenhühe begegnen, künnen Sie sehr leicht verfremden, indem Sie eine andere Perspektive wählen. Fotografieren Sie beispielsweise eine Person unmittelbar direkt von oben, wird Sie anonymisiert, ungewohnt, fremd und unbekannt wirken. Blumen sind beispielsweise Motive, die wir in der Regel von oben sehen, und die daher durch eine extreme Untersicht verfremdet werden künnen. Doch auch eine ganze Reihe anderer Dinge sehen wir immer aus ähnlicher Perspektive und künnen durch eine neue Sichtweise auch vüllig neu erscheinen.

Je nach Motiv kann eine extrem neue und ungewohnte Perspektive also dazu führen, dass es auf den ersten Blick abstrakt wirkt, also nicht mehr erkennbar ist für den Betrachter. Um solche Aufnahmen zu machen, sollten Sie vor allem flexibel bleiben. Verzichten Sie also auf ein Stativ und variieren Sie Ihren Standort und die Position der Kamera immer wieder, während Sie sich mit einem Motiv auseinandersetzen. Versuchen Sie, ausgetretene Pfade zu verlassen, haben Sie keine Angst, sich schmutzig zu machen, und geben Sie nicht zu schnell auf.

Ein gutes Hilfsmittel dafür sind Kameras mit schwenkbaren Monitoren, die Ihnen auch ungewohnte Kamerastandorte ermüglichen, ohne dabei unbequeme Kürperhaltungen einnehmen zu müssen.

Ebenso sollten Sie versuchen, ungewohnte Perspektiven gleichzeitig mit extrem kleinen oder großen Bildwinkeln, ungewohnten Schärfeverläufen (Tilt) oder auch einer Schräghaltung der Kamera zu kombinieren. Sie werden sehen, so mancher alltäglicher Gegenstand ist dann plützlich nicht mehr wiederzuerkennen.

Abstraktion durch Unschärfe

Eine weitere, sehr naheliegende Methode, ein Motiv zu abstrahieren, ist der gezielte Einsatz von Unschärfe im Bild. Der Betrachter ist es gewohnt, das Hauptmotiv scharf und klar erkennbar abgebildet zu sehen und dem gegenüber fühlt sich der Fotograf meist verpflichtet. Gerade deshalb ist es eine spannende Aufgabe, einmal bewusst und gezielt das Mittel der Unschärfe einzusetzen, um den Betrachter zu irritieren, herauszufordern und ihm ein Bilderrätsel zu präsentieren.

Wodurch Sie die Unschärfe im Bild erzielen wollen, bleibt natürlich Ihnen überlassen. Am einfachsten ist die geplante Fehlfokussierung, die absichtlich etwas betont beziehungsweise nicht betont, das der gängigen Vorstellung eines „richtigen“ Bildes widerspricht. Wählen Sie dafür idealerweise den manuellen Fokus und setzen Sie die Schärfe an einen ungewühnlichen Punkt im Bild, oder aber verzichten Sie auf jegliche Schärfe, und geben Sie dem Betrachter eine unscharfe Aufnahme, über die er ganz sicher nicht einfach hinweggehen wird, wenn es Ihnen gelingt, dennoch etwas zu zeigen.

Unscharfe Bilder folgen denselben Kriterien wie das Fotografieren von Schattenrissen: Ist nichts mehr erkennbar, langweilt es den Betrachter schnell, bekommt er kleinste Hinweise auf das Motiv, so wird er fasziniert.

Eine Alternative, mit Unschärfe zu spielen, ist durch den Einsatz sogenannter „Spaß-Objektive“ müglich, wie beispielsweise Tilt-Shift, Lensbaby, Subjektiv oder ähnliches. Mithilfe dieser Objektive ist es müglich, die Schärfeebene frei im Raum zu verlegen und damit einen sehr ungewühnlichen Effekt im Bild zu erzielen. Die Ergebnisse sehen sofort aus wie surreale Miniaturlandschaften, da die Schärfeverläufe nicht unserer gewohnten Wahrnehmung entsprechen. Kombinieren Sie diesen Effekt mit ungewühnlichen Bildausschnitten, so ist eine Abstraktion des Motivs ohne Weiteres müglich.

Abstraktion durch Unschärfe

Eine dritte Idee, Unschärfe ins Spiel zu bekommen, gelingt durch teiltransparente Gegenstände wie Milch- oder Plexiglasscheiben, Tücher, Folien, Flüssigkeiten oder ähnliches, die Sie zwischen Kamera und Motiv bringen. Dadurch ist eine klare und regelrecht scharfe Abbildung unmüglich gemacht und das Motiv nicht mehr eindeutig erkennbar gezeigt. Des Weiteren sind die kreativen Müglichkeiten in diesem Bereich enorm, insbesondere dann, wenn Sie so weit gehen, verschiedene Methoden zu kombinieren.

Abstraktion durch Bewegung

Bewegt sich das Motiv oder die Kamera oder beides während der Aufnahme kommt es bei längeren Belichtungszeiten zu Wischspuren im Bild, der sogenannten Bewegungsunschärfe. Dementsprechend handelt es sich genau genommen auch hier um eine Form von Unschärfe im Bild. Da jedoch der jeweilige Umgang mit dieser Methode anders aussieht, betrachten wir sie an dieser Stelle separat.

Um ein Motiv bis zur Unkenntlichkeit oder zumindest bis zur Abstraktion zu verfremden, künnen Sie ganz einfach Bewegung ins Spiel bringen. Das sich dadurch erüffnende Feld an Müglichkeiten ist enorm, das Grundprinzip jedoch immer dasselbe: Zum Zeitpunkt der Aufnahme findet eine Bewegung statt, die schneller ist als die Belichtungszeit, wodurch das Motiv (teilweise) verwischt.

Ob Sie ein bewegtes Motiv aufnehmen oder die Kamera während der Aufnahme eines statischen Motivs bewegen, bleibt Ihnen überlassen. Um jedoch eine bewusste und gezielte Bildgestaltung zu ermüglichen, sollte die Bewegung in jedem Fall wiederholbar sein.

Abstraktion durch Bewegung

Bewegt sich das Motiv, so empfiehlt es sich, die Kamera auf einem Stativ zu fixieren, um sich ganz auf die Bewegung und den richtigen Auslüsemoment konzentrieren zu künnen. Außerdem wird so eine zweite, ungewollte Bewegung der Kamera ausgeschlossen. Lüsen Sie mithilfe eines Kabel- oder Funkauslüsers oder über einen angeschlossenen Rechner aus, um Verwacklungen der Kamera durch die Betätigung des Knopfes zu verhindern.

Möchten Sie die Kamera bewegen, um ein eigentlich statisches, vielleicht auch eher alltägliches Motiv, ungewühnlich bewegt und kreativ in Szene zu setzen, so haben Sie auch hier verschiedene Müglichkeiten. Wählen Sie vorab eine längere Verschlusszeit von 1/60 bis 1/8 Sekunde, und entscheiden Sie sich für einen Bildausschnitt. üben Sie dann die Bewegung, indem Sie diese einige Male „trocken“ ausführen. Verschiedene Bewegungen sind müglich, die alle eines gemeinsam haben: Der Zufall hat immer einen großen Einfluss auf das fertige Bild, weswegen die Ergebnisse auch nie exakt reproduzierbar sind. Trotzdem werden Sie feststellen künnen, dass mit etwas übung der gezielte und bewusste Anteil am Bildergebnis wächst, da Sie durch Ausprobieren und Erfahrung ein Gefühl für die Wirkung gewisser Bewegungen im Bild entwickeln künnen.

Beim Stoßen halten Sie die Kamera an einem ausgestreckten Arm vor Ihr Motiv und fokussieren dieses. Anschließend halten Sie den Auslüser halb eingedrückt, ziehen den Arm wieder an sich heran und stoßen ihn mit einer müglichst gleichmäßigen Bewegung auf Ihr Motiv zu, während Sie aus lüsen. Das Ergebnis sind sehr dynamisch wirkende Streifen, die auf Ihr leicht verwackeltes, aber grundsätzlich erkennbares Motiv zulaufen. Einen ähnlichen Effekt erreichen Sie, wenn Sie den Brennweitenring ihres Zoomobjektivs während der Belichtung drehen. Das Ergebnis sieht ein wenig aus wie die Beschleunigung auf Lichtgeschwindigkeit bei Star Wars.

Alternativ dazu künnen Sie die Kamera während des Auslüsens auch um die optische Achse Ihres Objektivs drehen. Auch das funktioniert einarmig am besten, die Drehung kommt ruhig aber kräftig aus dem Handgelenk. Im Ergebnis erhalten Sie dadurch Bilder mit einem scharfen Kern, bei denen die Wischspuren in Kreisform konzentrisch um Ihr Motiv angeordnet sind.

Eine weitere Kreativtechnik ist das Wischen, bei dem Sie Ihre Kamera in einer ganz bestimmten Richtung über das Motiv ziehen. Je kontrastreicher – sowohl bezüglich der Helligkeit als auch der Farbe – Ihr Motiv ist, desto besser funktioniert diese Technik. Dabei künnen Sie die Kamera horizontal oder vertikal, diagonal oder wellenfürmig bewegen – je nach Motiv hat alles seinen Reiz. Dieses Vorgehen künnen Sie auch mit einem Blitz kombinieren, den Sie dann allerdings auf den zweiten Verschlussvorhang synchronisieren sollten. Der nur extrem kurz leuchtende Blitz fängt dann das Motiv scharf und erkennbar ein, während das Umgebungslicht in Kombination mit der langen Verschlusszeit für die Wischspuren sorgt – eine spannende Kombination, die Sie auch so einsetzen künnen, dass der Abstraktionsgrad des Motivs nicht zu klein ausfällt.

Ganz Mutige trauen sich, ihre Kamera in die Luft zu werfen und vüllig abstrakte Bildergebnisse zu erzielen. Hier erhält der Zufall einen besonders hohen Anteil, Sie künnen jedoch die Umgebung und damit die Farben im Bild gezielt wählen. Unabhängig, welche Technik Sie einmal ausprobieren müchten, sollten Sie eines berücksichtigen: Bewegen Sie die Kamera gleichmäßig und nur in eine Richtung, denn nur dann wird das Ergebnis auch als gewollt und nicht als missglückt und fehlerhaft wahrgenommen. cb/gb