Man könnte meinen, dass Architekturfotografie ein recht einfaches Genre ist: Das Motiv bewegt sich nicht und man hat genügend Zeit, um das Bild zu gestalten. Aber weit gefehlt, denn gerade, weil Häuser einfach nur dastehen, bekommen die Details im Motiv und die Feinheiten der Bildgestaltung das eigentliche, entscheidende Gewicht.

Architektur-Fotografie

Wie andere fotografische Themen auch, ist die Architekturfotografie extrem vielseitig und weist unzählige Facetten auf. Nicht immer muss ein Haus vollständig die Bildfläche dominieren, auch Architekturdetails, Stadtlandschaften oder Streetbilder spielen oft noch in das Genre mit hinein. Aber Architektur ist nicht gleich Architektur – wie auch bei anderen Genres gibt es große Unterschiede zwischen den Motiven. Wenn man sich die Fülle der Architekturbilder ansieht, dann kristallisieren sich vier große Gruppen mit unterschiedlichen Zielrichtungen heraus, die jeweils ganz verschiedene Anforderungen an den Fotografen stellen.

Die Edelsteine der Architektur

Fast schon ein Selbstläufer sind Fotos von Gebäuden, die von sich aus zu den Perlen der Baukunst zählen und so außergewöhnlich und beeindruckend entworfen sind, dass dem Betrachter automatisch der Atem stockt. Solche Gebäude sind selbst schon Kunstwerke und weltbekannt.

Dazu zählen historische Bauten wie beispielsweise das Taj Mahal in Indien genauso wie auch zeitgenössische wie das Guggenheim-Museum in Bilbao, Klassiker wie der Eiffelturm in Paris, aber auch Innenarchitektur wie das MyZeil in Frankfurt. Bei solchen architektonischen Meisterleistungen müssen Sie als Fotograf nur die gröbsten gestalterischen Schnitzer vermeiden und erhalten schon ein aufregendes Bild – einfach weil das Motiv selbst eine unglaubliche Ausstrahlung mitbringt.

Da diese Monumente natürlich von jedem Touristen fotografiert werden, besteht aber die Gefahr, nur dieselben Bilder mit nach Hause zu bringen, die sich schon zu Tausenden Variationen des immer Gleichen in das eigene Bildgedächtnis eingebrannt haben.

Um von solchen Sehenswürdigkeiten ein aus der Masse herausragendes Foto zu machen, müssen Sie sowohl mental als auch im wahrsten Sinne des Wortes die ausgetretenen Pfade verlassen. Suchen Sie sich neue, eigene Blickwinkel und finden Sie ungewöhnliche Aufnahmestandorte.

Spielen Sie ruhig mit dem Bekanntheitsgrad: Wählen Sie charakteristische Ausschnitte, statt das Gebäude vollständig aufs Bild zu nehmen, suchen Sie Spiegelungen, gehen Sie mit extremen Weitwinkeln nah heran, fotografieren Sie die Rückseite und warten Sie auf besondere Licht- oder Wettersituationen.

Spannende Gebäude

Von solchen herausragenden Perlen der Architektur gibt es jedoch nicht übermäßig viele und meist sind sie auch nur mit einer aufwändigen Reise zu erreichen. Dafür gibt es nahezu in jeder größeren Stadt mindestens ein paar ganz normale Bauten und Häuser, die jedoch ein eigenes, charakteristisches Gesicht aufweisen. Dies können moderne Bürobauten ebenso sein, wie alte Schlösser, schöne Kirchen oder prunkvolle Rathäuser. Auch diese Bauten sind spannend anzusehen und zu fotografieren, weil sie etwas Eigenes mitbringen.

Dennoch ist es einfacher, ihnen etwas Neues abzugewinnen, weil davon meist nicht schon bestimmte Ansichten existieren, die sich als Sterotype in das kollektive Bildgedächtnis eingegraben haben. Diese Architektur aufregend in Szene zu setzen, ist vergleichsweise einfach, insbesondere, wenn sie sich in der eigenen Stadt oder in der Nähe befinden, weil Sie sie dann häufiger mit der Kamera aufsuchen können, um nach neuen Blickwinkeln und Ansichten zu suchen, um auf dramatisches Licht oder einen beeindruckenden Himmel zu warten und um die erst am Rechner entdeckten Fehler zu korrigieren.

In fremden Städten hilft Ihnen eine Karte oder ein externes beziehungsweise integriertes GPS-Modul, sich den Standort für ein Wiedersehen und einen weiteren Versuch zu merken.

Spannende Gebäude

Wohnen und Arbeiten

Deutlich schwieriger ist es jedoch, von der weit überwiegenden Mehrzahl der ganz normalen Gebäude ein interessantes, Aufsehen erregendes Bild zu schaffen. Bei vielen Wohn- oder Geschäftshäusern handelt es sich um rein funktionale Bauten, denen man nur mit viel gutem Willen eine eigene architektonische Seele zugestehen kann. Hochhäuser und Plattenbauten, Wohnsilos und funktionelle Einkaufspassagen gehören ziemlich offensichtlich in diese Kategorie, aber auch das ganz normale Einzelhaus oder die vielen Büro-, Laden- und Arzthäuser der Innenstädte sind selten fotografisch sehr inspirierend. Für diese Motive müssen Sie als Architekturfotograf schon tief in die fotografische Trickkiste greifen, wenn Ihre Bilder etwas anderes widerspiegeln sollen als die reine Dokumentation eines Zustandes.

Der Charme des Verfalls

Da diese Gebäude selbst vergleichsweise unspektakulär und austauschbar sind, werden die Mittel der Bildgestaltung – von Licht über Perspektive und Farbe bis hin zur unwirklichen, effektvollen Nachbearbeitung – hier zu den eigentlichen Stars des Bildes. Sie entscheiden vor allem über die Art, wie das Bild wirkt und wahrgenommen wird. Denn das Motiv ist so normal und gewohnt, dass erst die Bildgestaltung und die Nachbearbeitung zwischen reiner Ablichtung und besonderem Bild unterscheiden.

Der Charme des Verfalls

Ein großer Bereich der Architekturfotografie beschäftigt sich aber auch gerade nicht damit, Gebäude schön und aufregend darzustellen, sondern damit, ihren Verfall in Szene zu setzen. Denn auch Ruinen, abbröckelnder Putz oder heruntergekommene Straßenzüge können zu einem faszinierenden Motiv werden. Entweder entdecken Sie als Fotograf im Hässlichen oder Verfallenen selbst noch einen gewissen Charme oder Sie setzen einen inhaltlichen Kontrast zu einem neuen Gebäude. Auch die Details des Verfalls bilden oft schöne Muster oder Formen, die den Betrachter an etwas anderes erinnern. Hier hilft auch eine aufregende Nachbearbeitung, um den Verfall mit düsteren Farben, dunklen Flächen und hohen Kontrasten noch stärker hervorzuheben.

Statische und Grafische Motive

Aber egal, für welches architektonische Motiv Sie sich entscheiden, einige Vorgehensweisen beim Fotografieren und einige gestalterische Kniffe können Ihnen auf jeden Fall helfen, zu noch ausdrucksstärkeren Architekturbildern zu gelangen: Da es bei diesem Genre auf jedes noch so kleine Detail ankommt, sollten Sie sich möglichst viel Zeit mit Ihrem Motiv lassen. Gehen Sie in aller Ruhe auf Motivsuche und entdecken Sie auch die architektonischen Schätze abseits der Hauptstraßen. Versuchen Sie, die Schokoladenseite des Hauses zu entdecken, indem Sie es aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten und machen Sie ruhig erst einmal einige Testbilder, die Sie sich in Ruhe zu Hause am Rechner ansehen. Arbeiten Sie mit einem Stativ, um Ihr Bild ganz genau gestalten zu können und jede Möglichkeit des Verwackelns auszuschließen. Denn oft sind es die vielen winzigen Details der Fassade, die durch eine sehr hohe Schärfentiefe eindrucksvoll zur Geltung gebracht werden, für die dann bei – der besseren Qualität wegen – niedrigen ISO-Werten eine verwacklungsträchtige Verschlusszeit notwendig wird. Das Stativ sollte idealerweise auch über eine eingebaute Wasserwaage verfügen, damit Sie Ihre Kamera auch tatsächlich waagerecht ausrichten können. Denn da wir es gewohnt sind, dass Häuser genau senkrecht in die Höhe ragen, stören uns bei diesem Motiv bereits das leichteste Kippen der waagerechten Hauptlinien. Auch die im Sucher oder auf dem Monitor mancher Kameras einblendbaren Gitter helfen sehr bei der exakten Ausrichtung des Gebäudes im Bild.

Statische und Grafische Motive

Eine andere Besonderheit der Architektur ist, dass die Motive extrem grafisch aufgebaut sind. Große Flächen, geometrische Formen und sehr deutliche Linien dominieren das Bild. Dabei ist es Ihre Aufgabe, durch die passende Perspektive und einen stimmigen Bildausschnitt eine Balance und ausgewogene Proportionen der Flächen und ihrer Helligkeiten zu erzeugen. Große helle Flächen ohne ausreichend Struktur ziehen den Blick an, ohne ihn halten zu können und falsch gesetzte, aber dominante Linien führen den Blick schnell auch mal aus dem Bild heraus.

Ins rechte Licht setzen

Neben der Grafik ist vor allem die Lichtführung das zentrale gestalterische Element der Architekturfotografie. Eine aufregende Lichtsituation wertet das Gebäude und das Bild enorm auf. Deswegen macht es viel Sinn, für gutes Licht – oder ein stimmungsvolles Wetter – etwas länger zu warten, oder sogar gezielt dorthin zu fahren. Sowohl Internetangebote wie Google Earth als auch diverse Apps für Ihr Smartphone helfen Ihnen dabei, den Verlauf der Sonne auf dem Gebäude zu simulieren und so den stimmungsvollsten Zeitpunkt zu ermitteln. Auch bei diesem Motiv vermittelt Gegenlicht Spannung und Drama, betont das Seitenlicht die Strukturen und lässt Mitlicht das Gebäude detailreich aber flach erscheinen. Besonders eindrucksvoll und fast schon lebendig erscheinen Gebäude immer dann, wenn sie von innen beleuchtet werden und Licht durch die Fenster nach außen dringt. Deswegen eignen sich auch die frühen Morgen- und die späten Abendstunden, aber auch die Wintermonate durchaus sehr gut für dieses Genre.

Wie viel Haus darf es denn sein?

Wie viel Haus darf es denn sein?

Einen stimmigen Bildausschnitt zu finden, ist bei Architekturbildern ein deutlich schwierigeres Unterfangen als bei den meisten anderen Fotogenres, weil man selten umhinkommt, weitere Elemente mit aufs Bild zu nehmen. Einerseits sind die Motive so groß, dass man selbst mit Weitwinkelobjektiv einen großen Abstand zum Objekt einnehmen muss, um es noch vollständig aufs Bild zu bannen. Andererseits stehen die Häuser sehr oft so dicht beieinander, dass man sich nicht allzu weit davon entfernen kann, ohne dass weitere Häuser oder anderes mit ins Bild kommen. Und so geraten immer wieder Menschen, Sträucher, Bäume, Autos, Ampeln, Verkehrs-, Hinweis- oder Reklameschilder zwischen Kamera und Gebäude. Nicht immer kann man solche Nebenelemente passend und stimmig ins Bild integrieren. Insbesondere, wenn sie sehr auffällige Farben oder Formen haben oder vom Stil her gar nicht zum Hauptmotiv passen, lenken sie den Blick stark auf sich und stören das Bild nachhaltig. Dann heißt es entweder warten, bis das Auto oder der Mensch sich aus dem Bild bewegen, den Störenfried im Nachhinein mittels digitaler Nachbearbeitung entfernen oder die Perspektive und den Bildausschnitt so verändern, dass das entsprechende Bildelement gar nicht mehr mit aufs Bild kommt.

Deswegen bieten sich – gerade in Städten – zwei verschiedene Strategien an. Entweder gehen Sie mit einem Weitwinkel- oder Normalobjektiv so nah wie nötig an das Gebäude heran, um keine störenden Dinge im Bild zu haben. OderSie verzichten darauf, das Haus vollständig abzubilden und nehmen nur einenAusschnitt oder – mit einem Tele – sogar ein Detail mit aufs Bild. Achten Sie dabei jedoch auch darauf, dass dieser Ausschnitt noch als architektonisches Detail zu erkennen ist und nicht nur eine zweidimensionale Bildgrafik bildet. Denn damit wechseln Sie nicht nur das Genre, sondern auch das Motiv. Sie erschweren dem Betrachter das Erkennen des abgebildeten Motivs und erhöhen so die emotionale Distanz zum Bild. Eine dritte Vorgehensweise lässt sich jedoch nur bei freistehenden Häusern erreichen, die ausreichend unbebaute und unbewachsene Fläche drumherum aufweisen. Denn dannkönnen Sie mit einem Teleobjektiv von weiter weg das ganze Haus einfangenund es auf diese Weise aus seiner Umgebung herauslösen. In diesem Fall wird das Haus aber auch flacher, zweidimensionaler und damit plakativer abgebildet.

Wohin mit stürzenden Linien?

Wenn Sie jedoch – insbesondere mit einem Weitwinkelobjektiv – Architektur fotografieren, ergibt sich schnell ein Problem mit den stürzenden Linien, wenn Sie die Kamera nicht ganz parallel zur Fassade des Gebäudes halten, sondern sie kippen, um es vollständig auf das Bild zu bekommen. Jedes Objektiv bildet Gegenstände, die sich näher an der Sensorebene befinden, größer ab, als die Dinge, die weiter davon entfernt sind. Bei Teleobjektiven ist dieser Effekt nur sehr gering ausgeprägt, je kleiner jedoch die Brennweite und je größer damit der Bildwinkel wird, desto stärker wird er im Bild sichtbar. Im Weitwinkelbereich werden nahe Bildelemente sogar überproportional groß und weiter entfernte Elemente überproportional klein abgebildet.

Wenn Sie beispielsweise direkt vor einem Hochhaus stehen und Ihre Kamera Nach Oben kippen, ist das Fundament viel näher an der Sensorebene, als das Dach. Dementsprechend wird das Erdgeschoss extrem breit und das Dach extrem kurz auf dem Bild dargestellt. Die Linien der Hauswände, welche die beiden miteinander verbinden, werden dadurch im Foto zu schrägen Fluchtlinien, die in einem Punkt zusammenlaufen, obwohl sie in der Realität parallel und senkrecht zum Boden verlaufen. Aus dem Rechteck der Häuserwand vor unseren Augen wird ein Trapez auf dem Sensor, die geraden Linien scheinen auf uns zuzustürzen.

Diese Ansicht einer Fassade entsprichtnicht unseren Sehgewohnheiten und irritiertden Betrachter dadurch unbewusstoder stört ihn sogar so nachhaltig, dasser das Bild negativ bewertet. Das ist vorallem der Fall, wenn die Linien nur wenigstürzen und dieser Effekt unbeabsichtigtund damit fehlerhaft wirkt. Eine Möglichkeitmit stürzenden Linien umzugehen,ist, sie ganz gezielt und bewusst einzusetzenund sie sogar deutlich betontzum zentralen Gestaltungsmittel zu machen.Denn die Irritation des Gewohntenist nicht per se schlecht. Sie schafft in jedemFall – im guten wie im schlechten -eine erhöhte Aufmerksamkeit für Ihr Bild.Außerdem wirken solche Bilder durch diediagonalen Linien dynamisch, bewegt,lebendig und dramatisch. Und wennsolch eine Bildwirkung zu Ihrem Motivpasst, dann ist es sinnvoll und stimmig,klar stürzende Linien im Bild als bewusstesGestaltungsmittel einzusetzen. WennSie allerdings ein Motiv haben sowie eineBildaussage anstreben, die auf einen realistischen,ruhigen und fast schon dokumentarischenBildeindruck ausgerichtetsind, müssen Sie anders vorgehen.

Gebäude gerade rücken

Die zweite Möglichkeit, den stürzenden Linien zu begegnen, ist, sie zu vermeiden beziehungsweise sie zu eliminieren. Dafür gibt es drei Möglichkeiten, die unterschiedlich praktikabel sind. Die theoretisch einfachste scheitert in der Regel an den örtlichen Gegebenheiten.
Denn wenn Sie die Kamera auf die Höhe der Mitte Ihres Motivs und dann parallel zur Fassade halten, entstehen keinerlei stürzende Linien. Aber selbst wenn im richtigen Abstand ein zweites Haus stehen würde, wird kaum jemand einfach klingeln, nur um aus einem der Fenster ein Foto machen zu dürfen. Die zweite Möglichkeit ist ein Shift-Objektiv zu nutzen. Diese besonderen Objektive erzeugen einen extrem großen Bildkreis und verfügen über eine Vorrichtung, den gesamten Linsenblock horizontal oder vertikal zur Kamera zu verschieben. Eine horizontale Verschiebung entspricht im Ergebnis einem sehr viel höheren Kamerastandpunkt und so werden die stürzenden Linien vollständig eliminiert oder zumindest stark gemindert. Es gibt nur wenige solcher Objektive und die sind in der Regel sehr teuer, lohnen sich also vor allem für auf das Thema Architektur spezialisierte Fotografen. Die einfachste und günstigste Möglichkeit, stürzende Linien gerade zu rücken, ist jedoch, sie einfach in der digitalen Nachbearbeitung zu entzerren. Dabei verlieren Sie jedoch einen guten Teil an Bildinformationen und verringern die technische Qualität Ihres Bildes.

Als Ergebnis erhalten Sie in allen dreiFällen eine Ansicht Ihres Motivs, diedurch ihre gerade Ausrichtung ruhig,gewohnt, aufgeräumt und realistischwirkt und damit eine eher dokumentarischeAnmutung im Bild erzeugt – auchdiese Wirkung muss passend mit IhremMotiv korrespondieren. cb/gb