Die neue Fotoschule bietet Ihnen kompaktes Know-how in Sachen Fotopraxis: Basiswissen, Kamerafunktionen, Aufnahmetechniken, Lichtführung und Bildgestaltung werden leicht verständlich anhand von Bildbeispielen erklärt. In der vierten Folge geht es um die Farbwiedergabe von Kameras: Weißabgleich und gezielte Farbsteuerung.

Fotoschule: Basiswissen

Morgens und im späten Abendlicht, mittags bei strahlend blauem Himmel, im Nebel oder Schatten: Die Welt erscheint uns immer wieder in einem neuen Licht. Was man ganz wörtlich nehmen darf. Denn die Färbung des Lichts sorgt dafür, dass ein an sich weißer Gegenstand bei genauer Betrachtung mal rötlich, mal bläulich oder anderweitig verfärbt erscheint. In der Malerei waren es vor allem die Impressionisten, die das erkannten: Sie machten das Licht und atmosphärische Bedingungen zum Thema ihrer Malerei und zeigten, wie Licht Motive verändert.

Vieles davon wird von unserem Auge – oder besser: vom Sehzentrum in unserem Gehirn – nivelliert, sonst würden wir uns in der Welt deutlich schlechter zurechtfinden. Bei der Digitalkamera sorgt der Weißabgleich für „farbneutrale“ Bilder, was meistens gut, im Einzelfall aber auch mal weniger gut funktioniert. In dieser Folge der Fotoschule erfahren Sie alles Wissenswerte über die Farbwiedergabe von Digitalkameras, über Farbstiche, Weißabgleich und gezielte Farbsteuerung.

Was ist der Weissabgleich?

Um Farben naturgetreu wiedergeben zu können, muss die Kamera auf die vorherrschende Lichtfarbe abgestimmt werden. Zu Zeiten des Analogfilms gab es dafür Konversionsfilter, die vor die Frontlinse des Objektivs gesetzt wurden – meist um einen Tageslichtfilm auf Kunstlicht (Glühlampen) „umzustimmen“. Bei Digitalkameras übernimmt der Weißabgleich diese Aufgabe ungleich einfacher und flexibler. In der Standardeinstellung der Kamera ist normalerweise eine Vollautomatik aktiviert, die den Weißabgleich je nach Lichtsituation entsprechend justiert. Für perfekte bzw. kalkulierbare Ergebnisse sollte man allerdings auch andere Varianten des Weißabgleichs kennen und nutzen: Voreinstellungen, Reihenbelichtungen, Korrekturmöglichkeiten und WB-Messung.

Weißabgleich korrigieren

Weißabgleich korrigieren

Ausgehend von einer Voreinstellung lässt sich der Weißabgleich häufig auf mindestens einer Farbachse („warm/kalt“) korrigieren. Noch praktischer ist es, wenn dafür ein grafisches Korrekturmenü zur Verfügung steht.

WB-Belichtungsreihe

Belichtungsreihenfunktionen (Bracketing) gehören bei den meisten Digitalkameras zum Funktionsumfang, auch WBBracketing. Die Kamera macht dabei mehrere Aufnahmen mit abgestuften Einstellungen für den Weißabgleich.

Weißabgleich im Live-View

Im Live-View-Modus der meisten Kameras lässt sich nicht nur die Belichtung simulieren, sondern auch der Weißabgleich. änderungen der Farbabstimmung lassen sich also direkt am Monitor überprüfen, allerdings nicht immer zuverlässig beurteilen – vor allem bei hellem Umgebungslicht. Die beiden Monitorbilder wurden von einer Leica M im Live-View-Modus aufgenommen; im Monitor sichtbar ist ein mit Kunstlicht beleuchtetes Blechschild.

WB-Voreinstellungen?

In vielen Fällen führt die Weißabgleichsautomatik zu guten bis zufriedenstellenden Ergebnissen. Darüber hinaus bietet fast jede Kamera Voreinstellungen (Presets) für den Weißabgleich zur Anpassung an verschiedene Lichtquellen. Mit einem WB-Preset wird das Ergebnis zwar nicht immer farbstichfrei (neutral) sein, zumindest aber weisen dann alle Fotos einer Serie den gleichen Farbstich auf, was die spätere Farbkorrektur vereinfacht.

Weißabgleich im Live-View

Weißabgleich messen

Weißabgleich messen

Vor allem bei Sachaufnahmen kommt es auf eine präzise Abstimmung des Weißabgleichs an. In diesem Fall ermitteln Sie – wenn möglich – den korrekten Weißabgleich am besten durch Messung. Und das geht so: Sie stellen die Kamera auf WBMessung und richten sie dann auf eine weiße oder graue Fläche (weißer Hintergrund, Graukarte etc.), die vom Aufnahmelicht beleuchtet ist. Die Fläche sollte den Sucher vollständig ausfüllen. Nach erfolgreicher Messung ist der Weißabgleich optimal auf das Aufnahmelicht abgestimmt.

Farbstich oder Farbstimmung?

Ohne Weißabgleich ließen sich Farben nicht annähernd naturgetreu, weiße oder graue Flächen nicht neutral wiedergeben. Besonders wichtig z.B. bei Produktaufnahmen, wenn die Farbwiedergabe möglichst exakt den Motivfarben entsprechen soll. Farbstiche stören zudem bei Motiven, die einen hohen Anteil weißer oder grauer Flächen aufweisen. Allerdings sind die Grenzen zwischen Farbstich und Farbstimmung fließend – etwa bei einem Sonnenuntergang oder einem von Kerzenlicht beleuchteten Motiv. Auch das Anheben des Farbkontrasts oder Farbverfremdungen sind legitim, wenn es der Bildaussage zuträglich ist. Beispiele dafür finden Sie auf diesen beiden Seiten.

Kreativer Farbkipp

Erfahrene Anwender stellen den Weißabgleich gerne direkt in Kelvinwerten ein. Tageslicht hat z. B. eine Farbtemperatur von etwa 5500 Kelvin, Blitzlicht ebenso. Im Schatten ist die Farbtemperatur des Tageslichts höher (z. B. 7500 Kelvin), während man bei Glühlampenlicht etwa 2700 bis 2900 Kelvin einstellt. Mit der Kelvin-Direkteinstellung lässt es sich auch trefflich experimentieren: Bild 1 entstand bei 6000 Kelvin, Bild 2 bei 4500 Kelvin, Bild 3 bei 3000 Kelvin. Dabei kippt der Hintergrund zunehmend in Richtung Blau, was einen schönen Komplementärfarbenkontrast zum orangefarbenen Cocktail ergibt.

Farbstich oder Farbstimmung?

Farbreflexionen

Rote Reflexionen vom Sonnenschirm darüber bilden sich im schwarzen Glas und im Brillengestell ab. Auch der Untergrund, ein brauner Tisch, schimmert rötlich. Von störendem Farbstich kann aber hier keine Rede sein. Wenn der Fotograf (der sich im rechten Brillenglas abbildet) bei diesem Motiv buchstäblich rot sieht, trägt das entscheidend zur Bildwirkung bei.

Sonnenuntergang

Sonnenuntergang

Für die WB-Automatik der Kamera ist das rote Licht des Sonnenuntergangs nur ein Farbstich, den es auszumerzen gilt. Dabei bleibt allerdings die Stimmung auf der Strecke, wie Bild 1 – aufgenommen mit automatischem Weißabgleich – zeigt. Für das zweite Bild wurde der Weißabgleich manuell auf 7500 Kelvin eingestellt.

Der rötlich-gelbe Farbstich überlagert jetzt auch die Stadtsilhouette, aber dafür wird’s dem Betrachter warm ums Herz. Wenn vorhanden, können Sie auch das Motivprogramm „Sonnenuntergang“ verwenden.

Mischlicht

Illuminiertes Gebäude während der „blauen Stunde“: Stellt man den Weißabgleich auf Kunstlicht (ca. 2800 Kelvin), verschwindet die gelbe Färbung aus dem Rundbogen; was in etwa dem Augeneindruck entspricht (Bild 1). Plakativer wird die Bildstimmung allerdings, wenn man den Weißabgleich auf Tageslicht (ca. 5500 Kelvin) einstellt; der Kalt-warm-Kontrast erzeugt Spannung. Das Blau des Himmels könnte man bei der Bildbearbeitung eventuell noch etwas in Richtung „kühler“ korrigieren.

AF-Betriebsarten

Die gebräuchlichsten AF-Betriebsarten sind AF-S, AF-C und AF-A. Bei AF-S (Single Autofocus) stellt die Kamera den Fokus auf das Objekt ein und belässt es bei dieser Einstellung, auch wenn sich das Objekt anschließend bewegt. Bei AF-C (Continuos Autofocus) stellt die Kamera auf das anvisierte Objekt scharf und regelt kontinuierlich nach, wenn das Objekt seine Entfernung zur Kamera verändert. AF-Verfolgung ergänzt den kontinuierlichen Autofokus und verfolgt das Objekt auch dann, wenn es sich seitwärts oder nach oben / unten im Bildfeld bewegt. Bei AF-A (Automatic Autofokus) entscheidet die Kamera selbst nach Analyse des Objekts, ob sie AF-S oder AF-C für geeigneter hält. Kleines Bild: Die Fujifilm X-20 besitzt einen mechanischen Schalter für AF-S, AF-C und MF (manuelle Fokussierung).

AF-Betriebsarten

Messfeldautomatik

Die Messfelder des AF-Systems decken einen größeren Teil des Bildfelds ab. Die Anzahl der Messfelder variiert je nach Kameratyp und -modell. Beispiel Nikon: 9 Messfelder bietet beispielsweise die D90, 39 die D5200 oder D7100. Bei automatischer Messfeldwahl entscheidet das AF-System nach bestimmten Algorithmen, welche der vorhandenen AF-Felder zum Einsatz kommen und welche Motivdetails somit im Bereich der verfügbaren Schärfentiefe liegen.

Einzelfeldautofokus

Fast bei jeder Kamera kann man einzelne AF-Messfelder anwählen, entweder im Kamerasucher oder am Live-Monitor. So lassen sich Motivdetails über einen größeren Bereich des Bildfelds gezielt scharfstellen. Praktisch ist es, wenn sich dabei nicht nur die Position des Messfelds, sondern auch dessen Größe variieren lässt. Bei manchen Kameras wie der Canon EOS 7D lassen sich AF-Felder auch zu Gruppen zusammenfassen.