Die Nachtfotografie ist das Genre der Nachtschwärmer, die es mit der Kamera nach draußen zieht, wenn die meisten Menschen schlafend in ihren Betten liegen. Und sie ist das Genre der Geduldigen, denn das Spiel mit dem wenigen Licht verlangt Ausdauer, eine gute Vorbereitung und (extrem) lange Belichtungszeiten.

Bei Nacht Fotografieren

Der Begriff Fotografie kommt ursprünglich aus dem Griechischen und bedeutet „Malen mit Licht“ („phos“, „photos“ = „Licht“, „Helligkeit“ und „graphein“ = „malen“, „schreiben“). Licht ist eine unbedingte Voraussetzung für den Vorgang der Fotografie, weshalb das Genre der Nachtfotografie ein Widerspruch in sich zu sein scheint. Auf den ersten Blick zumindest, da es nachts dunkel ist und die Fotografie unmöglich wird… – doch in Wahrheit ist es in bewohnten Regionen nachts gar nicht dunkel, sondern es herrscht lediglich wenig bis sehr wenig Licht. Dieses möglichst effizient einzufangen und für interessante Bildkompositionen einzusetzen, ist das Herzstück der Nachtfotografie.

Wenig Licht rauscht

Steht nur wenig Licht zur Verfügung, kommen Sie schnell an die technischen Grenzen Ihrer Ausrüstung: Die Verschlusszeiten werden zu lang, um sie noch verwacklungsfrei aus der Hand halten zu können – und das selbst dann, wenn die Objektive extrem lichtstark sind und der ISO-Wert bereits sehr hoch gewählt wurde. Gerade Letzteres hat seine Tücken: Denn wo zu analogen Zeiten für eine höhere Lichtempfindlichkeit tatsächlich ein lichtempfindlicherer Film eingelegt wurde, ist heute der Sensor fest mit der Kamera verbunden und auf eine bestimmte Lichtempfindlichkeit fix geeicht. Der Sensor wandelt Licht in Strom um und je mehr Licht auf den Sensor fällt, desto stärker wird das elektronische Signal und desto heller das Bild. Wird nun der ISO-Wert, also die Lichtempfindlichkeit des Sensors erhöht, dann wird das bei zu wenig einfallendem Licht eher schwache elektronische Signal einfach rechnerisch verstärkt. Doch dabei kommt es zu dem unschönen Effekt des Rauschens, das dadurch zustande kommt, dass der Sensor ein elektronisches Bauteil ist und es zu Kriechströmen kommt, die bei jeder Aufnahme in die ermittelten Werte des Bildes einfließen. Herrscht bei der Aufnahme viel Licht, das auf den Sensor fällt, dann gehen diese eigentlich sehr geringen Kriechströme unter und bleiben im Bild unsichtbar. Bei wenig Licht fallen sie hingegen sichtbar und störend ins Gewicht, da der Anteil der Kriechströme am Messwert entsprechend höher ausfällt und die Kombination aus beiden Strömen entsprechend des eingestellten ISOWerts verstärkt und im Bild als hell abgebildet wird.

Wenig Licht rauscht

Das Ergebnis ist das auffällige Rauschen, dass ein Bild nachhaltig stört und dessen Qualität mindert. Je dunkler das Motiv, desto stärker rauscht der entsprechende Bildbereich, wobei Helligkeits- von Farbrauschen unterschieden werden muss. Helligkeitsrauschen wird in Form von Pixeln sichtbar, die sich aufgrund ihrer Helligkeit von ihrer Umgebung abheben. Farbrauschen tritt in Form von fehlfarbigen Pixeln auf beziehungsweise durch einzelne, farbig hervorstechende Punkte. Letztere fallen noch einmal stärker und auch störender ins Gewicht.
Um das Rauschen im Bild zu unterdrücken, müssen Sie entweder mit einem möglichst geringen ISO-Wert arbeiten oder sehr hochwertige Kameras einsetzen, die einen extrem hohen Kontrastumfang aufweisen und dadurch auch noch in lichtschwacheren Aufnahmesituationen gut arbeiten können, wo andere längst keine überzeugenden Ergebnisse mehr liefern können. übrigens gilt dies nicht nur für die entsprechend hochwertigere Kameraklasse, sondern vor allem auch für das Alter des Modells: je neuer die Kamera, desto besser ist ihr Rauschverhalten bei höheren ISO-Werten, denn die technische Weiterentwicklung steht nicht still, und das Problem des zu starken Rauschens zu beheben, ist eines der wichtigsten Entwicklungsziele.
Auch die Möglichkeit, das Rauschen durch entsprechende Software aus den Bildern wieder herauszurechnen, wird nach der Aufnahme direkt in der Kamera oder bei der späteren Nachbearbeitung eingesetzt. Dafür stehen sowohl Automatiken als auch speziell darauf spezialisierte, manuell zu justierende Programme zur Verfügung.
In der Praxis führt eine Kombination aus allen drei Komponenten – möglichst niedriger ISO-Wert, möglichst rauscharme Kamera, möglichst gute Rauschminderungssoftware – zu den rauschärmsten Ergebnissen.

Extrem lange Verschlusszeiten

Das Genre der Nachtfotografie können Sie also – bezogen auf die technischen Gegebenheiten – auf zwei Arten betreiben: entweder spontan aus der Hand mit dem Ergebnis, dass Sie einen hohen bis sehr hohen ISO-Wert einstellen müssen und die Bilder sehr stark rauschen werden. Oder aufwendiger und unter der Bedingung, einen niedrigen ISO-Wert zu wählen, um die technische Qualität zu gewährleisten – mit der Folge extrem langer Verschlusszeiten. Um diese abzufangen und Verwacklungen auszuschließen, benötigen Sie ein sehr stabiles, schweres Dreibeinstativ, das auf einem festen Untergrund sicher steht. Außerdem sollten Sie den direkten Druck auf den Auslöser vermeiden, da diese geringe Erschütterung der Kamera ausreicht, um die Aufnahme zu verwackeln. Gerade bei überwiegend dunklen Motiven fallen die wenigen hellen Lichtquellen dann als unschöne Striche und verwackelte Schlenker auf.

Aus diesem Grund sollten Sie ausschließlich über einen Draht- beziehungsweise Fernauslöser oder den Selbstauslöser der Kamera auslösen. Letzteren stellen Sie auf die kürzestmögliche Verzögerung, um Ihre Geduld nicht zu sehr zu strapazieren.

Darüber hinaus ist es empfehlenswert, eine SLT-Kamera oder eine SLR-Kamera mit Spiegelvorauslösung einzusetzen, um auch die Erschütterung durch den Spiegelschlag auszuschließen, die ebenfalls ausreichen kann, um die gesamte Aufnahme zu verwackeln.

Für eine beliebig lange Verschlusszeit, die Sie beispielsweise in eher dünn besiedelten Regionen benötigen, wo nachts wirklich sehr wenig Licht herrscht, ist die „Bulb“-Funktion sinnvoll. Diese „Verschlusszeit“ entspricht einer öffnung des Verschlusses, die so lange bestehen bleibt, wie der Auslöser gedrückt wird. In Kombination mit einem Fernauslöser, kann so manuell gesteuert werden, nach wie vielen Minuten (oder auch Stunden) die Belichtung beendet wird. Fernauslöser lassen sich in der Regel auch im Auslösen fixieren.

Hotpixel

Hotpixel

Sehr lange Belichtungszeiten führen ihrerseits ebenfalls zu einer technischen Störung im Bild – zu sogenanntenHotpixeln, die auf minimale Ungenauigkeiten bei der Sensorproduktion zurückzuführen sind und bei jedem Sensor auftreten. Es handelt sich dabei um einzelne Dioden, die überproportional stark auf einfallendes Licht reagieren. Im Bild fallen sie dadurch auf, dass sie einzelne, sehr helle Bildpixel an immer wieder derselben Stelle erzeugen.

Um diesen Fehler zu minimieren, werden bei vielen Kameras die Verschlusszeiten auf wenige Sekunden limitiert, was sie ungeeignet für die Nachtfotografie werden lässt. Alternativ wird versucht, die Helligkeit der Hotpixel durch einen Abgleich mit den Tonwerten der benachbarten Pixel rechnerisch an diese anzupassen. Diese Methode kann besonders präzise angewendet werden, wenn nach der Langzeitbelichtung automatisch ein zweites Bild mit geschlossener Blende aufgenommen wird. Durch den Vergleich der beiden Aufnahmen können die Hotpixel identifiziert und aus dem eigentlichen Bild herausgerechnet werden. Auch eine Kühlung des Sensors beugt vor, da die Anzahl der Hotpixel bei hohen Temperaturen zunimmt.

Belichtungsmessung

Fotografieren Sie in der Dämmerung oder nachts, gilt es auch, die Belichtungsmessung entsprechend anzupassen. Die am häufigsten eingesetzten, und in vielen anderen Genres sinnvollen Methoden der matrix- oder mittenbetonten Messung kommen bei dunklen Motiven an ihre Grenzen: Beide beziehen zu große dunkle Bildbereiche in die Messung mit ein, wodurch das Messergebnis eine zu helle Belichtung vorschlägt. Aus diesem Grund ist es sinnvoll und empfehlenswert, die Spotmessung einzusetzen und auf die helleren Bildbereiche zu richten, um diese nicht zeichnungsfrei ausgefressen, sondern detailreich abzubilden. Dies gilt insbesondere dann, wenn Sie einzelne farbige Lichtquellen als Hauptmotiv aufnehmen.

Darüber hinaus kommt bei richtigen Nachtaufnahmen und sehr wenig Licht erschwerend hinzu, dass die Belichtungsmesser der meisten Kameras nur bis zu einem Lichtwert von 1 oder 2 arbeiten. Sehr selten erfassen sie Lichtwerte von 0 oder sogar -1, doch nicht weniger. Aus diesem Grund funktioniert die Belichtungssteuerung in diesem Genre häufig nicht über die Belichtungsmessung und die entsprechenden Vorschläge der Kamera, sondern über Erfahrungswerte und Testbilder, die Sie in 20- bis 30-Sekunden-Schritten aufnehmen und dann nicht nur auf dem Display, sondern auch über die Histogrammanzeige der Kamera beurteilen.

Belichtungssteuerung

Die Steuerung der Belichtungseinstellung unterscheidet sich in der Nachtfotografie kaum von der Tagesfotografie, insbesondere dann, wenn Sie überwiegend manuell fotografieren. Der bedeutendste Unterschied ist, dass Sie plötzlich mit sehr langen Verschlusszeiten zu tun haben, was für die meisten Tagesfotografen extrem ungewohnt ist und dazu führt, dass sie eine ganze Weile brauchen, um ein Gefühl für die Belichtungseinstellungen zu entwickeln. Doch je häufiger Sie sich in dem Genre der Nachtfotografie bewegen, desto schneller werden Sie auch hier auf Erfahrungswerte zurückgreifen können.
Darüber hinaus sind einige der Standardautomatiken mit solch dunklen Lichtsituationen überfordert und liefern ohne Ihr manuelles Eingreifen schnell zu helle Bilder mit überstrahlten Lichtpunkten. Korrigieren Sie die Belichtungsautomatiken daher durch die „+/-„-Taste nach unten und probieren Sie die speziell auf diese Aufnahmesituation ausgerichtete Nachtprogramme aus, die mitunter zu guten Ergebnissen führen. Empfehlenswert bleibt aber dennoch die manuelle Belichtungssteuerung, bei der Sie alle drei Komponenten so wählen, dass Sie die höchstmögliche Bildqualität erzielen. Konkret bedeutet das, einen möglichst kleinen ISO-Wert (100 bis 400) für möglichst wenig Bildrauschen einzustellen, eine leicht geschlossene Blende (4 bis 11) für etwas Schärfentiefe im Bild zu wählen und entsprechend noch längere Verschlusszeiten in Kauf zu nehmen.

Belichtungssteuerung

Besonderheiten der Nachtfotografie

Nicht nur bezogen auf die Technik ist die Nachtfotografie besonders, sondern auch hinsichtlich der Motivwahl und Bildgestaltung ist manches zu beachten: So wirken Nachtaufnahmen aus sich selbst heraus mystisch, gefährlich und geheimnisvoll, da die Motive viel Schwarz und überwiegend dunkle Flächen bieten. Die (wenigen) Farben im Bild wirken schnell schmutzig, entsättigt und leuchten kaum, da nur die Farben ihre ganze Buntheit entfalten können, die richtig und reichlich belichtet werden. Satte Farben kommen also entsprechend selten im Bild vor und entfalten dadurch eine Eycatcher-Funktion, die den Blick des Betrachters stark anziehen.

Gerade einzelne helle Lichtquellen ziehen den Blick auf der großen dunklen Fläche an und sollten dementsprechend interessant für den Betrachter sein oder sich zumindest in unmittelbarer Nähe eines spannenden Bildelements befinden. Die weniger wichtigen, unspannenden Bildbereiche können Sie dafür ganz einfach und komfortabel im Schatten verstecken. Achten Sie dabei auf eine – für das jeweilige Bild stimmige und passende Verteilung von Lichtern und Schatten für eine insgesamt spannende Gestaltung. Achten Sie dabei auf genügend Erkennbarkeit und möglichst viel Detailzeichnung, was wegen der hohen Motivkontraste oft nicht ganz einfach ist, sich aber für ein überzeugendes Bildergebnis lohnt. Probieren Sie dafür verschiedene Standpunkte, Bildausschnitte und Belichtungszeiten aus, um einzelne Bildbereiche stärker hervorzuheben und andere in ihrer Dominanz zu reduzieren.

Lichter als Motiv

Die Nachtfotografie ist im Grunde genommen das Genre der Lichterfotografie, denn es geht immer darum, einzelne Lichtquellen ausfindig zu machen und als Motiv ins Szene zu setzen. Das kann natürlich auch indirekt erfolgen, das heißt, die eigentliche, Ihr Motiv beleuchtende Lichtquelle befindet sich außerhalb des Bildes, doch auch dann gilt Ihr Hauptaugenmerk genau dieser Lichtquelle, um sie überzeugend wirkungsvoll durch eine entsprechend lange Verschlusszeit auszunutzen.
Für die ersten Schritte in die Nachtfotografie bietet sich daher auf jeden Fall ein Ausflug in eine gut beleuchtete Innenstadt an, die Ihnen die verschiedensten und verschiedenfarbigsten Lichtquellen bietet. Ob Schaufensterscheiben, Werbetafeln, Neonreklame, Laternen, Lichterketten, Auto- oder Fahrradlampen – Sie werden garantiert jede Farbe und Form finden können. Ob Sie die Lichter gegenständlich zeigen oder für abstrakte Farb- und Formkompositionen nutzen, bleibt Ihnen überlassen. Wichtig ist lediglich, sich genügend Zeit für ein experimentelles und geduldiges Vorgehen zu lassen. Daher ist eine warme Hochsommernacht ideal.
Beginnen Sie schon bei tief stehender Sonne zu fotografieren und nutzen Sie das gesamte Lichtspektakel des Sonnenuntergangs, der darauf folgenden blauen Stunde, der einsetzenden Dämmerung und des immer weniger werdenden Lichts bis hin zu völliger Dunkelheit. Sie werden feststellen, dass jede dieser Phasen besondere Motive bietet und Sie sich hervorragend auf das Fotografieren mit langen Verschlusszeiten einstimmen können – denn diese werden dann im Verlauf immer länger und länger.
Mit den Sternen gibt es auch natürliche Lichtquellen, die Sie ebenso wie die Lichter der Stadt einfangen können. Dafür müssen Sie jedoch nicht nur eine vollkommen sternklare Nacht abwarten, Sie müssen sich auch einen ganz besonderen Aufnahmeort suchen, an dem es ansonsten wirklich dunkel ist. Denn bereits in nur leicht besiedelten Gebieten – von Städten ganz zu schweigen – geben Tausende kleiner und großer Lichtquellen so viel Licht ab, dass dies die Astrofotografie enorm stört. Der sogenannte Lichtsmog von Straßenlaternen, Werbungen, Gebäudebeleuchtungen, Autos und Flugzeugen reflektiert in der Atmosphäre und überlagert so das ferne Licht der Sterne. Für solche Bilder müssen Sie also recht weit in die Natur herausfahren.

Fotogenes Wetter

Fotogenes Wetter

Ein ganz besonderes Motiv für die Nachtfotografie ist Regen. Dieser muss nicht während der Aufnahmen fallen – das erschwert nur die Fotografie, wenn Sie Ihre Ausrüstung ununterbrochen schützen müssen. Es genügt, dass es gerade geregnet hat, wenn Sie auf Fototour gehen. Sobald alles nass ist, entstehen nämlich interessante Reflexionen und Spiegelungen, die Sie besonders gut in Ihre Bilder integrieren können. So wird beispielsweise nasses Kopfsteinpflaster einem Bild wesentlich mehr Detailreichtum verleihen als eine dunkle Asphaltdecke, die keinerlei Lichtpunkte bietet.

Auch große Wetterspektakel wie starke Regenfälle oder Gewitter sind besondere Motive für die Nachtfotografie. Auch wenn diese schon fast ein eigenes Genre bilden beziehungsweise eher im Bereich der Landschafts- als in der urbanen Fotografie angesiedelt werden und besondere Vorbereitung sowie viel Geduld erfordern. Doch wenn es Ihnen dann gelingt, Blitze oder Wetterleuchten einzufangen, wird diese Geduld mit einem spektakulären Bild belohnt.