Zur Modefotografie gehört nicht nur das Ablichten von Kleidung, sondern auch das dazu passende Lebensgefühl.

Kaum ein Genre der Fotografie ist so vielfältig und so abwechslungsreich wie die Modefotografie. Beim Thema Fashion ist es nicht nur möglich, sondern geradezu wünschenswert, alle kreativen Regis ter der Fotografie zu ziehen. Auf diese Weise ist die Fashion-Fotografie schon lange mehr als die reine Abbildung von Kleidung und hat sich mittlerweile als eigenständige Kunstform etabliert.

In der Fashion-Fotografie stehen nicht die Modelle im Mittelpunkt, sondern die Mode oder – wie in diesem Fall – die Accessoires. Deswegen blicken die Modelle im Vergleich mit Porträts deutlich seltener direkt in die Kamera, was die Aufmerksamkeit des Betrachters auf das Gesicht lenkt.

Eigentlich ist nur eines sicher in der Fashion-Fotografie: Es geht um die Kleidung als Motiv. Eigentlich. Denn auch das ist nicht in allen Teilgebieten dieses riesigen Genres der Fall, manchmal soll auch vorrangig ein bestimmtes Lebensgefühl vermittelt werden oder die Accessoires rücken in den Mittelpunkt. Deswegen ist es sinnvoll, sich erst einmal anzusehen, was sich alles hinter diesem schillernden Begriff versteckt. Denn wenn Sie selbst die Mode ins Visier nehmen wollen, sollten Sie sich vorher Gedanken über das machen, was Sie da fotografieren – mehr als in jedem anderen Teilgebiet der Menschenfotografie.

Fashion-Fotografie

Fashion ist nicht gleich Fashion

Die grundlegende Unterscheidung in der Fashion-Fotografie ist, ob es sich um einen Auftrag oder eine freie Arbeit handelt.
Wenn Sie im Auftrag eines Modehauses, -labels, -magazins oder einer Werbeagentur arbeiten, handelt es sich in der Regel um große, komplexe Produktionen, an denen neben dem Fotografen und dem Modell noch weitere Personen beteiligt sind. Denn Make-up-Artist, Haarstylist, Stylist, Redakteur und Art-Direktor des Kunden haben nicht nur ein Mitspracherecht, sondern insbesondere Letztere haben oft sogar alleinige Entscheidungsgewalt. Der Fotograf wird also eher zum Dienstleister, wird in seiner Kreativität beschnitten und muss sich auf die Vorstellung anderer ausrichten. Besonders stark ist das bei klassischen Katalogaufnahmen oder der Produktion von Werbe fotos der Fall, hier werden meist sowohl die Motivwahl als auch die Bildsprache vom Auftraggeber oder der dazugehörenden Werbeagentur vorgegeben. Aber auch bei Fotostrecken für Fashionmagazine sind Thema und Motive in der Auftragsbeschreibung meist sehr eng gefasst.

Anders ist es bei freien Arbeiten, die ein Fotograf aus freien Stücken, aber auch auf eigene Rechnung anfertigt. Bei solchen Modestrecken kann er seine eigene Kreativität ausleben, neue Ideen und Vorgehensweisen ausprobieren und nebenbei die eigenen Referenzen ausbauen. Freie Arbeiten fordern den Fotografen stärker und anders als Aufträge, weswegen wir uns im Folgenden auf diese Form der Fashion-Fotografie konzentrieren.

In der Modefotografie gibt es ein wahrhaft babylonisches Wirrwarr an Begriffen, die alle nicht exakt voneinander abzugrenzen sind. Denn bei der Bedeutung von Fashion, Fashionporträt, High Fashion, Haute Couture, Editorial, Lifestyle, Beauty, Laufsteg- oder Katalogbilder, Wäsche, Commercial oder People kommt es immer auch darauf an, wer den Begriff gerade verwendet. Denn sie werden in unterschiedlichen Umfeldern mit anderen Inhalten belegt – für die Chefredakteurin der Vogue ist „Fashion“ sicherlich etwas anderes als für den Marketingchef von C&A oder für einen Hobbyfotografen. Kurz: Die Fashion-Fotografie ist sehr weit gefächert und nicht eindeutig zu definieren.

Kreieren Sie Ihre eigene Mode

Kreieren Sie Ihre eigene Mode

Wenn Sie Ihr eigenes Fashionshooting angehen möchten, nehmen Sie sich viel Zeit für die Entwicklung einer Idee und für die Konzeption einer dazu passenden Bildsprache. Dabei haben Sie sehr große künstlerische Freiheiten: Stellen Sie ein bestimmtes Outfit in den Mittelpunkt einer Bilderserie oder eine ganze Modekollektion. Konzentrieren Sie sich auf Haare, Frisur und Make-up Ihres Modells und finden Sie aussagekräftige und modische Accessoires, die Sie in einer Bildstrecke vorstellen. Kombinieren Sie das Modell und eine stylische Location zu einer stimmigen Situation oder erschaffen Sie ein nachvollziehbares Lebensgefühl mit Ihren Bildern. Inszenieren Sie auf künstlerische Art ruhig auch absurde Bildideen rund um das Thema Kleidung und Mode – ein Modefoto muss nicht zwingend ein sofort verständliches Thema aufweisen, es kann sogar auf den ersten Blick sinnfreierscheinen. Denn die Hauptaufgabe von Fashionbildern ist die Erregung von Aufmerksamkeit, was am einfachsten dadurch erzielt wird, dass Sie die Sehgewohnheiten des Betrachters gezielt irritieren, ihm etwas Neues zeigen oder ein Gefühl bei ihm erzeugen. Die Emotionen müssen dabei nicht einmal unbedingt positiv sein – Hauptsache, sie überraschen.

Allerdings müssen sowohl die Bildidee als auch die Gestaltung des Fotos ein hohes Maß an Kreativität und ästhetik aufweisen, um noch als künstlerisch-gekonntes Fashionfoto angesehen zu werden und nicht wie ein ungeplanter Fehler zu wirken.

Für Ihr Vorgehen bedeutet das konkret:
überlegen Sie sich genau, welche Moderichtung, welchen Lebensstil oder welche Gefühlslage Ihre Bilderstrecke einfangen soll und durch welche Motive, welche Bildgestaltung, welche Nachbearbeitung Sie das in Szene setzen können. Schreiben Sie sich passende Begriffe auf, suchen Sie nach Fotos im Internet oder in Modezeitschriften, die zu diesen Begriffen passen und überprüfen Sie – auch im Gespräch mit anderen – ob die Bildsprache tatsächlich die gewünschten Gefühle ausdrückt. Entscheiden Sie sich für eine stimmige Umgebung und passende Accessoires, um die Szene stimmig zu ergänzen. Und wenn Sie alle diese Zutaten aufeinander abgestimmt haben, fragen Sie sich, welche Aspekte davon Sie ganz gezielt so verändern, dass eine ungewohnte Irritation entsteht, die dennoch zur Gesamtaussage passt.

Natürlich ist das sehr viel Aufwand für eine Fotostrecke, aber wenn Sie sich nicht vorher Gedanken darüber machen und eine möglichst konkrete Vorstellung der Ergebnisse visualisieren, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass kleine Details die Bildwirkung als Ganzes zunichte machen.

Motive

Vor dem Fotoshooting

Der Großteil des Aufwandes für ein Fashionshooting fällt vorher an. Für eine ganze Modestrecke mit zueinander passenden Outfits brauchen Sie eine Kollektion unterschiedlicher Kleidungsstücke, die aber dennoch eine einheitliche Stilrichtung aufweisen. Fragen Sie dazu ruhig in Designerläden oder Edelboutiquen nach, ob Sie sich einige Stücke ausleihen dürfen. Große Einzelhändler und Ketten sind dazu organisatorisch bedingt oft kaum in der Lage. Allerdings sollten Sie eine Mappe mit eigenen hochqualitativen Modefotos mitnehmen, um Ihr fotografisches Können zu zeigen und den Designer zu überzeugen. Denn für die Besitzer des Ladens bedeutet so eine Aktion viel Aufwand und potenziellen ärger, jedoch ohne direkten Nutzen. Wenn diese sich darauf einlassen, verlangen sie entweder eine Leihgebühr oder wollen die Bilder anschließend selbst gewerblich nutzen dürfen – aber nur, wenn sie von Ihrer Qualität überzeugt sind. Und selbstverständlich müssen Sie sich verpflichten, beim Fotografieren beschmutzte Kleidung zu bezahlen. Eine gute und vertrauensvolle Beziehung zu einer Boutique ist deswegen Gold wert und Sie sollten sie unbedingt pflegen.

Gleiches gilt auch für eine aufregende Indoor-Fotolocation, wobei Sie eine schriftliche Erlaubnis, die Bilder anschließend zu nutzen (location release) nicht vergessen sollten. übrigens wären Sie erstaunt, wie oft der Mut zu fragen, eine professionelle Mappe sowie ein freundliches, gewinnendes Wesen ausreichen, um einem Türen zu öffnen.

Auch die Zusammenarbeit mit einer Visagistin und/oder Friseurin und/oder Stylistin bedarf einiger Vorbereitung. Da Sie deren Fähigkeiten vorher nicht abschätzen können, sollten Sie mit einem Testshooting prüfen, ob die Zusammenarbeit funktioniert und ob Sie mit der Qualität zufrieden sind. Das Gleiche gilt für die Modelle, mit denen Sie Ihre Ideen umsetzen wollen. Denn es wäre zu ärgerlich, wenn ein aufwendig organisiertes Fashionshooting dadurch ruiniert würde, weil ein Beteiligter nicht auf demselben Qualitätsniveau der anderen arbeitet.

Und - Action!

Und – Action!

Sehr viel einfacher ist es natürlich, sich ein schönes Modell zu suchen und das zu fotografieren, was er oder sie im Kleiderschrank hat – was aber nur in sehr seltenen Ausnahmefällen für eine ganze Modestrecke ausreichen wird. Dann müssen Sie auf einzelne Fashionbilder ausweichen und aus dem vorhandenen Fundus jeweils in sich stimmige Outfits zusammenstellen.
Nutzen Sie bei der Zusammenstellung jeden modischen – und damit meist weiblichen – Sachverstand, den Sie im Zugriff haben, sowohl das Modell selbst, Ihre Partnerin, die Visagistin oder Stylistin bieten sich dafür an. Stellen Sie vollständige Outfits zusammen und gehen Sie dabei in der folgenden Reihenfolge vor: Oberteil oder Kleid, Hose oder Rock, Mantel, Schuhe, Unterwäsche, Kopfbedeckung, Accessoires, Frisur, Make-up und nicht zu vergessen Schmuck. Legen Sie alle Teile eines Outfits an einer Stelle zusammen und packen Sie den Rest wieder weg. Besprechen Sie detailliert mit der Visagistin, welches Make-up die gewünschte Wirkung unterstützt und welche Frisur zu der Idee passt. Je genauer Ihre Vorstellungen sind, desto besser kann Ihre Visagistin arbeiten. Vergessen Sie nicht, bereits während des Schminkens das Ergebnis kritisch zu überprüfen und notfalls auch änderungen zu verlangen.

Um das Make-up beim Ankleiden nicht zu verschmieren, zieht sich das Modell in der Regel erst um und geht dann in die Maske. Anschließend werden die Haare und dann alle weiteren Dekorationen oder Accessoires gerichtet, bevor das Modell endlich vor die Kamera treten kann. Was das Posing anbetrifft, ist in der Fashion-Fotografie vor allem die ungewöhnliche, absurde und unbequem aussehende Körpersprache zu finden. Auch wenn es wichtig ist, dass die Körperhaltung die Kleidung gut aussehen lässt und weder verrutscht noch Falten wirft, sind Posen, die in jedem anderen Genre übertrieben und unnatürlich aussehen hier gang und gäbe. Denn in den meist sehr auffälligen Bildinszenierungen und starken Bearbeitungen braucht es eine starke Körpersprache, um den Blick auf die Person, deren Körper und damit auf die Kleidung zu lenken. Aus dem gleichen Grund sollten die Modelle nicht immer direkt in die Kamera sehen und das Make-up ruhig sehr stark ausfallen, damit die Gesichtszüge des Modells möglichst übertönt und stereo type Charakteristika betont werden: Die Individualität des Menschen soll hinter dem Hauptmotiv Kleidung zurücktreten.
Dementsprechend darf auch in der Mimik extrem übertrieben und experimentiert werden, ohne dass sie dadurch unpassend zum Thema wirken würde. Klare Anweisungen helfen dem Modell auch hier, Ihre Vorstellungen gezielt umzusetzen. Aber viele aufregende Fashionfotos entstehen aus einer Bewegung des Modells heraus, um zusätzlich noch etwas mehr Leben und Zufall ins Bild zu bekommen. Vergessen Sie bei aller Begeisterung für die Pose aber nicht, immer auch einige aussagestarke Details der Kleidung zu machen, um damit den Stoff und Verzierungen zu zeigen.

Mit der Technik spielen

Ebenso weit gefächert wie die Fashion-Fotografie ist natürlich auch die Technik, die Sie für Ihre Ideen einsetzen können – genauer gesagt gibt es gar keine Grenzen, die nicht auch zum wilden Thema Fashion passen könnte. Dennoch gibt es einige recht häufig genutzte Hilfsmittel und Vorgehensweisen, die wir Ihnen hier gerne als Anregung vorstellen.

Die Klassiker in der Menschenfotografie sind die Brennweiten zwischen 85mm und 135mm, weil mit ihnen die menschliche Physiognomie besonders gefällig und für unsere Augen gewohnt abgebildet und wiedergegeben wird. Dementsprechend werden sie natürlich auch viel in der Modefotografie eingesetzt. Allerdings sind darüber hinaus auch Weitwinkel- oder Teleobjektive interessant. Das Weitwinkel verzerrt die Realität sehr subjektiv und schafft – gerade bei Menschen, die recht nahe zur Kamera stehen – ein künstliches, unnatürliches Abbild der Realität. Sofern Sie darauf achten, das Gesicht nahe der Bildmitte zu platzieren, wo es am wenigsten verzerrt wird, führen die kleinen Brennweiten durchaus zu dem gewünschten Aufsehen. Aber auch die starken Tele-Festbrennweiten werden bei Ganzkörperaufnahmen gern für das Thema Mode eingesetzt. Die Schärfentiefe beispielsweise eines 300mm/2,8 ist bei voller Blendenöffnung so extrem gering, dass der Hintergrund schon wenige Zentimeter hinter dem Modell ins Unscharfe verläuft und nicht stört oder ablenkt, dafür aber viel Atmosphäre vermittelt.

Gerade die aufwendigen Bildideen, bei denen Make-up, Frisur und Accessoires im Vordergrund stehen, werden oft im Studio fotografiert. Die ruhigen Hintergründe stellen das Modell und die Kleidung in den Vordergrund. Wenn Sie mit farbigen Papierrollen oder Stoffen arbeiten, vermittelt die jeweilige Farbe natürlich noch eine zusätzliche Emotion. Für eine eher klassische Ausleuchtung bieten sich Softoder Oktaboxen, Striplights oder das Beauty-Dish an. Mit diesen Lichtformern reduzieren Sie die Schatten und schaffen eine weiche, ausgeglichene Lichtsituation, in der die Farben und die Details der Kleidung deutlich erkennbar bleiben und gut zur Geltung kommen. Für stärkere Emotionen und kräftigere Farben ist hingegen hartes Licht besser geeignet, auch wenn es zu deutlichen Schatten führt. Dieses Licht erzeugen Sie mit Manschetten und Wabenvorsätzen und können es mit Filmklappen ganz genau platzieren.

Dieselben Lichtformer können Sie natürlich mit derselben Bildwirkung auch einsetzen, wenn Sie Outdoor blitzen. Dabei entstehen künstlich wirkende Lichtsituationen, in denen sich das reinweiße Blitzlicht mit dem eher rötlich oder bläulich gefärbten Tageslicht mischt. Gerade dieses Mischlicht führt dann wieder zu einer unnatürlichen überhöhung und damit zu der gewünschten Irritation, weswegen der Einsatz von Blitzlicht outdoor und on Location in der Fashion-Fotografie sehr weit verbreitet ist. Allerdings brauchen Sie dafür eine spezielle Blitzanlage, deren Akkus ausreichend Energie speichern können, um damit auch ein längeres Shooting zu halten. Dann aber sind Sie völlig frei in der Wahl des Lichtes und Sie können sehr einfach ungewöhnliche, aufregende und spannende Lichtsituationen schaffen, die Ihren Modebildern eine gleichermaßen professionelle wie Aufmerksamkeit erregende Anmutung verleihen.

Wenn Sie vor Ort allerdings kein künstlich wirkendes Licht einsetzen wollen oder das herrschende Licht schon allein so besonders und spannend genug ist, kommen Aufheller, Lichtschlucker und Diffusoren zum Einsatz. Gerade die ersten beiden schreien in der Fashion-Fotografie danach, besonders stark und auffällig eingesetzt zu werden. Denn auch da gilt, dass ein unnatürlich wirkender Lichteffekt den Blick anzieht, beispielsweise, wenn Sie mit einem kleinen Reflektor mit Silberoder Zebrabespannung die Kleidung auffällig betonen und dafür das Gesicht im Halbschatten verschwinden lassen. Diesen Schatten können Sie natürlich mit einem Lichtschlucker noch intensivieren, wenn Sie ihn nahe an das Gesicht halten. Ein Assistent, der den Aufheller hält und eigenständig mit der Bewegung des Modells mitführt, ist gerade bei dem lebendigen Thema Mode besser als ein am Stativ befestigter Aufheller. Denn so können Sie auch hier Ihre Bilder – mit der Serienbildschaltung Ihrer Kamera – aus der Bewegung heraus einfangen und anschließend die künst lerischste Pose und den ungewöhnlichsten Ausdruck auswählen.