Aus der Sicht heutiger Kameratechnik ist eine Belichtungszeit um die fünf Sekunden selten von nöten, man kann die besonderen Effekte dieses Zeitfensters aber für unglaublich reizvolle Aufnahmen einsetzen.

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Fünf Sekunden? Genau fünf Sekunden? Nicht unbedingt –es können auch mal vier oder acht Sekunden nötig sein, um den gewünschten Effekt zu erzielen.Doch welche außergewöhnlichen Aufnahmen lassen sich mit einer solchen Belichtung realisieren? Bei kürzeren Zeiten, zum Beispiel 1/8-Sekunde aus der Hand geschossen, wird das Ergebnis einfach nur verwackelt und unscharf aussehen. Längere Zeiten von circa einer Minute lassen zum Teil die Farben – etwa das Blau des Himmels – ausbleichen und fade wirken. In einem Belichtungsbereich von einigen Sekunden erhält man jedoch Effekte wie schemenhafte Gestalten oder Lichtspuren. Aufnahmen wie diese haben dann auch oftmals einen ganz speziellen Zauber. Dem Fotografen gelingt es damit, die Zeit einzufangen und sie in seinem Bild festzuhalten. Bewegung und Veränderung wird sichtbar in verschwommenen Formen und Farben. Besonders wirkungsvoll sind Fotos, die statische Elemente, wie Gebäude mit einbeziehen, die –dank eines Stativs– scharf abgebildet werden. Neben sich bewegenden Menschen oder Tieren eignen sich auch Wasseroberflächen oder Leuchtspuren von Fahrzeugen gut für Belichtungen dieser Art. Wir zeigen Ihnen auf den folgenden Seiten, für was Sie eine solche Langzeitbelichtung alles einsetzen können.

Die 10 besten Tipps für Fotos mit Langzeitbelichtung

Meer Pfad

1. Still halten – mit Stativ oder einer pfiffigen Ersatzlösung
Unser Titelbild zeigt in mitten der scharf festgehaltenen Bahnhofshalle viele schemenhaft abgebildete Personen. Allerdings fällt dabei auf, dass längst nicht alle Menschen auf dem Foto unscharf zu sehen sind. Insofern gibt das Bild Aufschluss darüber, wie viele Menschen sich an einem so turbulenten Ort wie der Grand Central Station in New York über mehrere Sekunden nicht von der Stelle bewegen. Eine solche Aufnahme ohne Stativ umzusetzen, ist beinahe nicht möglich. Und doch gibt es Alternativen: Schon eine Balustrade reicht in vielen Fällen aus. Achten Sie aber darauf, dass die ins Auge gefasste Ablagefläche nicht zu schmal oder instabil ist –etwa ein Geländer, das schwingt, wenn Sie sich dagegen lehnen. Sie können auch ein kleines gefülltes Kissen zur Stabilisierung der Kamera zu Hilfe nehmen. Oder Sie basteln sich selbst eines, indem Sie eine Tüte mit Sand, trockenen Erbsen oder Linsen befüllen. Zur Sicherheit vielleicht noch eine Jutetasche über die Tüte und fertig ist der Stativersatz.

U Bahn

2. Besser immer mehrere Aufnahmen schießen
Es kann bei solchen Hilfsmitteln passieren, dass die Aufnahme leicht verwackelt und so unscharf wird. Verlassen Sie sich besser nicht auf die erste Belichtung, sondern gewöhnen Sie sich –ob mit oder ohne Stativ –sogenannte Sicherheitsschüsse an. Machen Sie eine zweite, dritte oder mehr Aufnahmen, um auf der sicheren Seite zu sein. Wenn Sie schon dabei sind, dann variieren Sie die Zeit-und Blendenstufe. Das ergibt so manchen Effekt, zum Beispiel diverse Bewegungsunschärfen und Unterschiede in der Tiefenschärfe.

Stadt bei Nacht

3. Verwacklungen vermeiden: Hände von der Kamera
Durch betätigen des Auslösers versetzt der Fotograf die Kamera in Schwingungen, was Verwacklungen nach sich zieht. Im Idealfall stehen Sie während einer Langzeitaufnahme einen Schritt von Ihrer Kamera entfernt und lösen mit hilfe eines Fernauslösers aus. Es geht aber auch einfacher. Die Alternative steckt in so ziemlich jeder Kamera– der Selbstauslöser. Je nach Modell können Sie eine Auslöseverzögerung von bis zu zehn Sekunden einstellen.

Wasserfall

4. ISO Einstellung: Das Rauschen so gering wie möglich halten
Gerade bei Aufnahmen mit einer längeren Belichtungszeit ist die Gefahr groß, dass besonders in den dunklen Bildbereichen Rauschen sichtbar wird. Dabei könnte das eine oder andere Detail verloren gehen. Bei höheren ISO-Werten steigt nicht nur das Rauschen im Bild, es sinkt auch die Dynamik. Sprich, Ihre Fotos erscheinen flauer und weniger knackig. Um unnötiges Rauschen zu verhindern, stellen Sie den ISO-Wert Ihrer Kamera so niedrig wie möglich ein. Was die Rauschunterdrückung an geht, die bei einer Belichtung von mehreren Sekunden automatisch eingreift, können Sie diese zumindest bei DSLRs und einigen höherwertigen Kompakten ausschalten. Und natürlich kann jeder, der die Wahl hat, auch erst einmal schauen, ob die mit Rauschfilter geschossenen Aufnahmen annehmbar sind.

Stadt bei Nacht

5. RAW-Format zeitintensiver, aber zu empfehlen
Wenn Ihre Kamera es zulässt, fotografieren Sie im RAW-Format, um die Belichtung und die Lichtstimmung zu einem späteren Zeitpunkt optimieren zu können. RAW bietet zudem eine höhere Auflösung und viel mehr Infos zum Bild. Die einzelnen Kamerahersteller legen oftmals den zu ihrem Rohdatenformat passenden RAW-Konverter bei. Mit dieser Software lässt sich auch störendes Rauschen eindämmen. Verwenden Sie den Modus RAW+JPEG«, haben Sie zum schnellen Sichten sofort ein fertig entwickeltes Bild, können aber bei Bedarf noch das letzte Quentchen Qualität über die RAW-Datei herausholen.

6. Filter für weiche Wogen und brillante Schärfe
Bei langer Belichtungszeit, beispielweise um fließendes Wasser samtig wirken zu lassen, besteht immer die Gefahr, dass es zu überbelichteten Aufnahmen kommt. Nun könnte man, damit weniger Licht auf den Sensor fällt, einfach die Blende schließen. Doch die naheliegendste Lösung ist nicht immer die richtige. Eine kleine Blendenöffnung bedingt eine größere Tiefenschärfe. Erinnern Sie sich an die Faustregel, dass das Optimum für eine knackige Schärfe beiden meisten Optiken beim zweimaligen Abblenden liegt. Das bedeutet: Bei einem Objektiv mit einer Lichtstärke von F/4 liegt die optimale Schärfe bei etwa Blende acht. Besser ist deshalb die Verwendung eines Grau-beziehungsweise Neutraldichtefilters. Dieser wird vor die Linse geschraubt und schluckt einige Blenden, dunkelt also das Bild gleichmäßig ab, was eine längere Belichtungszeit zur Folge hat.

7. Timing: Verkehrsintervalle miteinbeziehen
Um von netten Schnappschüssen beider Langzeitbelichtung zu wirklich bewussten Aufnahmen zu kommen, sollten Sie Ihren Aufnahmeort vorab beobachten. Nicht nur der feste Stand Ihrer Kamera ist hierbei ausschlaggebend, sondern auch das Timing. Für Nachtaufnahmen vom städtischen Verkehr können Sie etwa in Kombinatio mit dem Fahrplan der Busse und Bahnen die Ampelphasen beobachten. Öffentliche Verkehrsmittel sind Fixpunkte, auf deren rhythmisch wiederkehrendes Erscheinen man sich als Fotograf einstellen kann. So können Sie dann an einer Kreuzung einen Linienbus oder eine Straßenbahn stehend (scharf abgebildetes Motiv), anfahrend (Motiv mit Bewegungsunschärfe) oder in voller Fahrt (Motiv als Nacht-und Dämmerungsaufnahme, meist nur Lichtstreifen) aufnehmen.

 So geht’s: Lichter in der Nacht

So kommt eine wenig befahrene Kreuzung zur Geltung: Machen Sie statt einer einzigen Langzeitbelichtung mehrere und kombinieren die Fotos später per Bildbearbeitung.

Kreuzung bei NachtSo manches Motiv, das man tagsüber als absolut langweilig abtun würde, kann bei Nacht begeistern. Es gibt wohl nicht allzu viele traßenkreuzungen, die man bei Tag als lohnendes Sujet ansehen würde. Doch nachts erwacht manch eine Straße zum Leben: Die Lichter in den Schaufenstern, die Laternen, Ampeln – alles, was leuchtet, ist willkommen. Und natürlich die Autos. Vom Stativ aus mit langer Belichtungszeit fotografiert fängt man die fahrenden Wagen als Lichtspuren ein. Aber was, wenn kaum Autos unterwegs sind und selbst 30 Sekunden Belichtung nicht reichen? Man könnte natürlich einen ND-Filterverwenden. Flexibler ist man aber mit einem einfachen, aber sehr effektiven Trick: Machen Sie einfach mehrere Aufnahmen mit exakt gleichem Ausschnitt und fester Belichtung und nutzen so gleich mehrere Ampelphasen aus. Diese Fotos dann in Photoshop zu kombinieren, ist in wenigen Minuten erledigt.

Kamera mit Stativ

1. Vorbereitung – den optimalen Ausschnitt finden
Um Lichtspuren auf der Straße aufzunehmen, ist ein erhöhter Standpunkt von Vorteil. In diesem Fall enstand die Aufnahme vom Balkon eines Hotelzimmers. Die Brennweite von 24 Millimeter war gerade lang genug, um nicht noch das Balkongeländer mit im Bild zu haben. Die Straßen bringen dank diagonaler Anordnung Dynamik ins Bild.

Einstellungen

2. Einstellung – Kamera richtig einstellen
Stativ, ISO 100, 30 Sekunden Belichtungszeit und los geht’s: Am besten, man findet zunächst mit einigen Test schüssen die optimale Belichtung heraus und stellt diese dann im manuellen Modus (»M«) fest ein. Genau so den Fokuspunkt – einmal richtig manuell fokussiert erleben sie später keine Überraschungen.

Aufnahme bearbeiten

3. Aufnahme – Mehrere Bilder kombinieren
Ist die Straße nicht so stark befahren, wie man es gerne hätte, macht man mehrere Aufnahmen, die sich hier anhand der Ampelphasen gut timen ließen. In Photoshop werden die Bilder dann kombiniert. Jedes kommtauf eine eigene Ebene: Am schnellsten per Kopieren und Einfügen über die Zwischenablage.

Bearbeitung

4. Bearbeitung – Lichtspuren kominieren
Ein simples Umstellen der Ebenen-Füllmethode auf »Hellere Farbe« ist der ganze Trick – einfach bei allen Ebenen anwenden, fertig. Damit das perfekt klappt, darf die Kamera zwischen den Aufnahmen kein bisschen bewegt werden, andern falls passen die Bilder nicht richtig übereinander.