Friedhöfe sind Orte der Stille. Sie verbinden Melancholie, Würde und Schönheit mit dem großen Thema Vergänglichkeit. Gleichzeitig sind sie Zeugen der Zeit und unserer Kultur. Es lohnt sich, diese Orte zu besuchen und sich ruhig umzusehen – nehmen Sie Ihre Kamera mit!

Friedhofsfotografie

Wenn wir von Friedhofsfotografie sprechen, so verbinden wir im Grunde genommen mehrere verschiedene fotografische Themen mit einem ganz bestimmten Aufnahmeort: das Fotografieren erstens einer Parklandschaft, zweitens der Grabstätten, drittens der Geometrie dieser Kulturlandschaft, viertens der Details des Grabschmucks, fünftens der Blumen(-gestecke) und sechstens der tiefen Emotionen, die auf einem Friedhof entstehen. So gesehen ist ein Spaziergang mit Kamera über einen Friedhof ein sehr vielseitiges Unterfangen das verschiedenste Ansätze bietet, das Thema Friedhof umzusetzen.

Bevor Sie beginnen

Bei der Friedhofsfotografie ist es sehr wichtig, unter keinen Umständen bei der Suche nach einem großartigen Motiv zu vergessen, wo Sie sich befinden: an einem Ort, wo Menschen um ihre verstorbenen Angehörigen oder Freunde trauern. Das ist und bleibt immer bedeutsamer als jedes Bild, das vielleicht entstehen könnte. Das bedeutet im Klartext: Stören Sie niemals die Ruhe des Ortes oder einer Person, die sich auf dem Friedhof befindet. Bleiben Sie grundsätzlich unauffällig, zurückhaltend und agieren Sie im Hintergrund. Verzichten Sie auf das Foto, wenn im direkten Umfeld gerade jemand ist, und verlassen Sie den Friedhof – oder bei sehr großen Anlagen den entsprechenden Bereich – , wenn gerade eine Beerdigung stattfindet. Verschieben Sie dann Ihr Vorhaben auf einen anderen Tag, um niemanden zu stören.

Bevor Sie beginnen

Bleiben Sie auf den Wegen, und betreten Sie niemals ein Grab – bringen Sie stattdessen jeder einzelnen Grabstätte Respekt und Achtung entgegen. Dies gilt ganz besonders für Friedhöfe, die in Betrieb sind und junge Gräber haben. Bei sehr alten Friedhöfen, die verfallen, verwildert sind und auf denen die einzelnen Gräber kaum mehr voneinander zu Praxisthema friedhofsfotografie unterscheiden sind, kann man das etwas großzügiger sehen, auch wenn natürlich auch hier der Stätte an sich Respekt entgegengebracht werden sollte. Verzichten Sie aus diesem Grund auf jeden Fall darauf, Namen in Ihren Bildern erkennbar abzubilden. Anonymisieren Sie stattdessen durch die Wahl des Bildausschnittes oder anderer Gestaltungsmittel wie dem Schärfeverlauf die Inschriften auf den Grabsteinen.

Welcher Friedhof

In beinahe jedem (größeren) Ort findet sich ein eigener Friedhof. In Städten gibt es oftmals sogar mehrere, unterschiedlich alt, für verschiedene Konfessionen, einzelne Stadtteile oder Kirchengemeinden. Wenn Sie einen dieser Friedhöfe in Ihrer Nähe zusammen mit Ihrer Kamera besuchen möchten, dann können Sie ihn natürlich spontan aufsuchen, doch empfehlenswerter ist wahrscheinlich ein wenig Recherche. Im Bekanntenkreis erhalten Sie vielleicht einen Tipp für besonders fotogene Anlagen. Oder Sie informieren sich im Internet.

Achten Sie dabei in erster Linie auf Friedhöfe, die in irgendeiner Weise außergewöhnlich sind, weil sie Ihnen beispielsweise besonders viele Mausoleen, Soldatengräber mit einheitlichen Kreuzen so weit das Auge reicht oder außergewöhnlich reich verzierte sowie besonders alte, verwitterte Gräber bieten.

Darüber hinaus ist es wichtig, sich vorher zu informieren, inwieweit das Fotografieren auf dem Gelände erlaubt ist. Manchmal finden Sie die entsprechenden Angaben auf der Website des Friedhofs, oder Sie werden direkt vor Ort in Form von Aushängen auf die Regelungen hingewiesen.

Im Ausland

Gerade auf Städtereisen bietet sich oft auch ein Besuch der örtlichen Friedhöfe an, nicht selten zählen diese sogar zu expliziten Sehenswürdigkeiten und werden im Reiseführer aufgeführt. Stilistisch unterscheiden sich Grabstätten in anderen Ländern nicht selten stark von unseren deutschen Friedhöfen. Zum Beispiel sind in Mittelmeerländern Urnengräber häufiger an der Tagesordnung, die in Wänden oder Mauern übereinanderliegen, von außen geschmückt mit Innschriften, Blumen und Bildern des Verstorbenen. Erkundigen Sie sich in jedem Fall vor dem Fotografieren über die Sitten und Gebräuche vor Ort und ob ganz besonders auch hier das Fotografieren überhaupt erlaubt ist. Manche Kulturen haben einen so anderen Zugang zu dem Thema Tod als wir, dass Sie überrascht sein könnten, wie sehr das Thema Teil des Alltags ist und wie sehr auch die Friedhöfe diesen anderen Umgang widerspiegeln.

Motive

Auf der Suche nach Motiven auf einem Friedhof benötigen Sie vor allem eines: Ruhe. Lassen Sie sich auf die Atmosphäre des Ortes ein, und nehmen Sie sich genügend Zeit, zwischen den Gräbern zu spazieren. Besondere Details, überzeugende Lichtsituationen oder schöne Blumenarrangements lassen sich nicht erzwingen – Sie werden nur fündig, wenn Sie den Blick schweifen lassen. Widmen Sie sich dabei ganz besonders der Architektur der Gräber, der Grabsteine sowie der gesamten Anlage. Reihen von Gräbern rechts und links der Wege bieten sehr grafische, eher übersichtsartige Motive. Insbesondere auch dann, wenn Sie einen Bezug zwischen Grabsteinen und umliegender Natur herstellen, da Friedhöfe sehr häufig parkähnlich angelegt sind und sich daher große Bäume, Büsche und Bepflanzungen finden lassen. Sogenannte Waldfriedhöfe sind da noch einmal besonders, da dort ein Schwerpunkt genau auf diese Balance zwischen Natur und Grabstätten gelegt wird.

Motive

Motive, denen wir im Alltag ausschließlich auf Augenhühe begegnen, künnen Sie sehr leicht verfremden, indem Sie eine andere Perspektive wählen. Fotografieren Sie beispielsweise eine Person unmittelbar direkt von oben, wird Sie anonymisiert, ungewohnt, fremd und unbekannt wirken. Blumen sind beispielsweise Motive, die wir in der Regel von oben sehen, und die daher durch eine extreme Untersicht verfremdet werden künnen. Doch auch eine ganze Reihe anderer Dinge sehen wir immer aus ähnlicher Perspektive und künnen durch eine neue Sichtweise auch vüllig neu erscheinen.

Je nach Motiv kann eine extrem neue und ungewohnte Perspektive also dazu führen, dass es auf den ersten Blick abstrakt wirkt, also nicht mehr erkennbar ist für den Betrachter. Um solche Aufnahmen zu machen, sollten Sie vor allem flexibel bleiben. Verzichten Sie also auf ein Stativ und variieren Sie Ihren Standort und die Position der Kamera immer wieder, während Sie sich mit einem Motiv auseinandersetzen. Versuchen Sie, ausgetretene Pfade zu verlassen, haben Sie keine Angst, sich schmutzig zu machen, und geben Sie nicht zu schnell auf.

Ein gutes Hilfsmittel dafür sind Kameras mit schwenkbaren Monitoren, die Ihnen auch ungewohnte Kamerastandorte ermüglichen, ohne dabei unbequeme Kürperhaltungen einnehmen zu müssen.

Ebenso sollten Sie versuchen, ungewohnte Perspektiven gleichzeitig mit extrem kleinen oder großen Bildwinkeln, ungewohnten Schärfeverläufen (Tilt) oder auch einer Schräghaltung der Kamera zu kombinieren. Sie werden sehen, so mancher alltäglicher Gegenstand ist dann plützlich nicht mehr wiederzuerkennen.

Abstraktion durch Unschärfe

Eine weitere, sehr naheliegende Methode, ein Motiv zu abstrahieren, ist der gezielte Einsatz von Unschärfe im Bild. Der Betrachter ist es gewohnt, das Hauptmotiv scharf und klar erkennbar abgebildet zu sehen und dem gegenüber fühlt sich der Fotograf meist verpflichtet. Gerade deshalb ist es eine spannende Aufgabe, einmal bewusst und gezielt das Mittel der Unschärfe einzusetzen, um den Betrachter zu irritieren, herauszufordern und ihm ein Bilderrätsel zu präsentieren.

Wodurch Sie die Unschärfe im Bild erzielen wollen, bleibt natürlich Ihnen überlassen. Am einfachsten ist die geplante Fehlfokussierung, die absichtlich etwas betont beziehungsweise nicht betont, das der gängigen Vorstellung eines „richtigen“ Bildes widerspricht. Wählen Sie dafür idealerweise den manuellen Fokus und setzen Sie die Schärfe an einen ungewühnlichen Punkt im Bild, oder aber verzichten Sie auf jegliche Schärfe, und geben Sie dem Betrachter eine unscharfe Aufnahme, über die er ganz sicher nicht einfach hinweggehen wird, wenn es Ihnen gelingt, dennoch etwas zu zeigen.

Unscharfe Bilder folgen denselben Kriterien wie das Fotografieren von Schattenrissen: Ist nichts mehr erkennbar, langweilt es den Betrachter schnell, bekommt er kleinste Hinweise auf das Motiv, so wird er fasziniert.

Eine Alternative, mit Unschärfe zu spielen, ist durch den Einsatz sogenannter „Spaß-Objektive“ müglich, wie beispielsweise Tilt-Shift, Lensbaby, Subjektiv oder ähnliches. Mithilfe dieser Objektive ist es müglich, die Schärfeebene frei im Raum zu verlegen und damit einen sehr ungewühnlichen Effekt im Bild zu erzielen. Die Ergebnisse sehen sofort aus wie surreale Miniaturlandschaften, da die Schärfeverläufe nicht unserer gewohnten Wahrnehmung entsprechen. Kombinieren Sie diesen Effekt mit ungewühnlichen Bildausschnitten, so ist eine Abstraktion des Motivs ohne Weiteres müglich.

Abstraktion durch Unschärfe

Eine dritte Idee, Unschärfe ins Spiel zu bekommen, gelingt durch teiltransparente Gegenstände wie Milch- oder Plexiglasscheiben, Tücher, Folien, Flüssigkeiten oder ähnliches, die Sie zwischen Kamera und Motiv bringen. Dadurch ist eine klare und regelrecht scharfe Abbildung unmüglich gemacht und das Motiv nicht mehr eindeutig erkennbar gezeigt. Des Weiteren sind die kreativen Müglichkeiten in diesem Bereich enorm, insbesondere dann, wenn Sie so weit gehen, verschiedene Methoden zu kombinieren.

Abstraktion durch Bewegung

Bewegt sich das Motiv oder die Kamera oder beides während der Aufnahme kommt es bei längeren Belichtungszeiten zu Wischspuren im Bild, der sogenannten Bewegungsunschärfe. Dementsprechend handelt es sich genau genommen auch hier um eine Form von Unschärfe im Bild. Da jedoch der jeweilige Umgang mit dieser Methode anders aussieht, betrachten wir sie an dieser Stelle separat.

Um ein Motiv bis zur Unkenntlichkeit oder zumindest bis zur Abstraktion zu verfremden, künnen Sie ganz einfach Bewegung ins Spiel bringen. Das sich dadurch erüffnende Feld an Müglichkeiten ist enorm, das Grundprinzip jedoch immer dasselbe: Zum Zeitpunkt der Aufnahme findet eine Bewegung statt, die schneller ist als die Belichtungszeit, wodurch das Motiv (teilweise) verwischt.

Ob Sie ein bewegtes Motiv aufnehmen oder die Kamera während der Aufnahme eines statischen Motivs bewegen, bleibt Ihnen überlassen. Um jedoch eine bewusste und gezielte Bildgestaltung zu ermüglichen, sollte die Bewegung in jedem Fall wiederholbar sein.

Abstraktion durch Bewegung

Bewegt sich das Motiv, so empfiehlt es sich, die Kamera auf einem Stativ zu fixieren, um sich ganz auf die Bewegung und den richtigen Auslüsemoment konzentrieren zu künnen. Außerdem wird so eine zweite, ungewollte Bewegung der Kamera ausgeschlossen. Lüsen Sie mithilfe eines Kabel- oder Funkauslüsers oder über einen angeschlossenen Rechner aus, um Verwacklungen der Kamera durch die Betätigung des Knopfes zu verhindern.

Möchten Sie die Kamera bewegen, um ein eigentlich statisches, vielleicht auch eher alltägliches Motiv, ungewühnlich bewegt und kreativ in Szene zu setzen, so haben Sie auch hier verschiedene Müglichkeiten. Wählen Sie vorab eine längere Verschlusszeit von 1/60 bis 1/8 Sekunde, und entscheiden Sie sich für einen Bildausschnitt. üben Sie dann die Bewegung, indem Sie diese einige Male „trocken“ ausführen. Verschiedene Bewegungen sind müglich, die alle eines gemeinsam haben: Der Zufall hat immer einen großen Einfluss auf das fertige Bild, weswegen die Ergebnisse auch nie exakt reproduzierbar sind. Trotzdem werden Sie feststellen künnen, dass mit etwas übung der gezielte und bewusste Anteil am Bildergebnis wächst, da Sie durch Ausprobieren und Erfahrung ein Gefühl für die Wirkung gewisser Bewegungen im Bild entwickeln künnen.

Beim Stoßen halten Sie die Kamera an einem ausgestreckten Arm vor Ihr Motiv und fokussieren dieses. Anschließend halten Sie den Auslüser halb eingedrückt, ziehen den Arm wieder an sich heran und stoßen ihn mit einer müglichst gleichmäßigen Bewegung auf Ihr Motiv zu, während Sie aus lüsen. Das Ergebnis sind sehr dynamisch wirkende Streifen, die auf Ihr leicht verwackeltes, aber grundsätzlich erkennbares Motiv zulaufen. Einen ähnlichen Effekt erreichen Sie, wenn Sie den Brennweitenring ihres Zoomobjektivs während der Belichtung drehen. Das Ergebnis sieht ein wenig aus wie die Beschleunigung auf Lichtgeschwindigkeit bei Star Wars.

Alternativ dazu künnen Sie die Kamera während des Auslüsens auch um die optische Achse Ihres Objektivs drehen. Auch das funktioniert einarmig am besten, die Drehung kommt ruhig aber kräftig aus dem Handgelenk. Im Ergebnis erhalten Sie dadurch Bilder mit einem scharfen Kern, bei denen die Wischspuren in Kreisform konzentrisch um Ihr Motiv angeordnet sind.

Eine weitere Kreativtechnik ist das Wischen, bei dem Sie Ihre Kamera in einer ganz bestimmten Richtung über das Motiv ziehen. Je kontrastreicher – sowohl bezüglich der Helligkeit als auch der Farbe – Ihr Motiv ist, desto besser funktioniert diese Technik. Dabei künnen Sie die Kamera horizontal oder vertikal, diagonal oder wellenfürmig bewegen – je nach Motiv hat alles seinen Reiz. Dieses Vorgehen künnen Sie auch mit einem Blitz kombinieren, den Sie dann allerdings auf den zweiten Verschlussvorhang synchronisieren sollten. Der nur extrem kurz leuchtende Blitz fängt dann das Motiv scharf und erkennbar ein, während das Umgebungslicht in Kombination mit der langen Verschlusszeit für die Wischspuren sorgt – eine spannende Kombination, die Sie auch so einsetzen künnen, dass der Abstraktionsgrad des Motivs nicht zu klein ausfällt.

Ganz Mutige trauen sich, ihre Kamera in die Luft zu werfen und vüllig abstrakte Bildergebnisse zu erzielen. Hier erhält der Zufall einen besonders hohen Anteil, Sie künnen jedoch die Umgebung und damit die Farben im Bild gezielt wählen. Unabhängig, welche Technik Sie einmal ausprobieren müchten, sollten Sie eines berücksichtigen: Bewegen Sie die Kamera gleichmäßig und nur in eine Richtung, denn nur dann wird das Ergebnis auch als gewollt und nicht als missglückt und fehlerhaft wahrgenommen. cb/gb