Sobald Sie nicht nur spontan und intuitiv fotografieren, bewegen Sie sich im Prinzip bereits im Bereich der konzeptionellen Fotografie. Wobei die Entwicklung eines fotografischen Konzeptes noch einmal etwas mehr ist als die einfache Planung eines Shootings.

Konzeptfotografie

In der konzeptionellen Fotografie ist es entscheidend, sich als Fotograf ein übergeordnetes Ziel zu definieren, an dem man in der Regel mehrere einzelne Fotoshootings ausrichtet. Nicht selten bildet das fotografische Konzept die Basis für eine längerfristige Auseinandersetzung mit einem bestimmten Thema, einem Motiv oder einer ästhetik. Im Ergebnis entstehen dementsprechend auch mehrere Aufnahmen, die dem Betrachter bei einer gemeinsamen Präsentation die Möglichkeit geben, das Konzept zu erfassen – also die Aspekte zu erkennen, die verschiedene Bilder miteinander verbinden und der gesamten Aufnahmeserie einen Sinnzusammenhang geben.

Ab jetzt mit Konzept?

Gerade in der Fotografie passiert es vielen Fotografen, dass sie im Laufe ihrer Weiterentwicklung erst die Technik, die Gestaltung und die Motive zu beherrschen lernen, aber dann einfach stehenbleiben. Die Shootings und die Bilder fangen an, einander zu gleichen und man ertappt sich dabei, immer wieder dasselbe auf die gleiche Art und Weise zu fotografieren. Nicht wenige Fotografen verlieren darüber sogar die Lust an ihrem Hobby. Konzeptionelle Fotografie kann dabei helfen, immer gleiche, irgendwann eintönige Herangehensweisen und allzu ähnliche Bildergebnisse durch etwas Neues und Spannendes abzulösen. Die eigene Fotografie einem Konzept unterzuordnen, bedeutet zwar auf der einen Seite eine deutliche Limitierung. Doch zum einen können Sie neben dem Konzept ja immer noch auch etwas anderes fotografieren und zum anderen hat ein solches Vorgehen auch einen ganz besonderen Reiz. Denn je stärker und detaillierter Sie sich mit einem Thema auseinandersetzen, desto schneller werden Sie dieses als Herausforderung begreifen und über sich selbst hinauswachsen.

Wenn Sie Zeit und Mühe in ein längerfristiges Fotoprojekt stecken möchten, muss es etwas geben, das Sie dazu antreibt. Sich schlicht und einfach dafür zu entscheiden, kann funktionieren, wenn Sie ein sehr disziplinierter Fotograf sind. Es kann aber ebenso zu einem schnellen Versiegen der Motivation führen, wenn Sie nicht wirklich hinter dem Thema stehen und es deswegen nur halbherzig verfolgen oder sich immer wieder neue Ausreden sich selbst gegenüber einfallen lassen, etwas anderes zu machen. Leichter wird es Ihnen immer dann fallen, sich mit einem Thema oder einer Fotoreihe zu beschäftigen, wenn es Ihnen ganz persönlich auch ein Anliegen ist, wenn Sie sich dafür begeistern können und für eine Sache brennen.

Werden Sie sich also klar darüber, was Ihre Gründe sind, sich mit der konzeptionellen Fotografie beschäftigen zu wollen. Je mehr Herzblut Sie in eine solche Aufgabe stecken, desto deutlicher wird das Ihren Bildern anzusehen sein und desto eher werden Sie andere mit den Bildergebnissen begeistern. Wirklich erfolgreiche und bekannte Ideen entstehen aus einem inneren Antrieb, eine Geschichte aus der Sichtweise des Fotografen zu erzählen: subjektiv, authentisch, unmittelbar, interessant, aufklärend oder anrührend.

Ideensuche

Doch wie findet man ein gutes Konzept für die eigene Fotografie? Da gibt es verschiedene Möglichkeiten, die je nachdem, was Sie für ein Typ Mensch und Typ Fotograf sind, besser oder schlechter zu Ihnen passen:

  1. Gerade für die ersten Schritte in die konzeptionelle Fotografie kann es ein guter Weg sein, sich das eigene Bildarchiv einmal kritisch dahingehend durchzuschauen, welche Motive, Themen, Stile, etc. immer wiederkehren. Sind Sie bisher ein intuitiver Fotograf gewesen, werden Sie vielleicht erstaunt sein, wenn sich ganze Serien in Ihren Aufnahmen finden lassen. Vielleicht sind es einzeln stehende Bäume, lustige Autokennzeichen, Gesichter in Holzmaserungen, Luftballons im Gegenlicht oder verschiedene Gegenstände in Ihrer Lieblingsfarbe, die Sie immer wieder dazu bringen, auszulösen. Filtern Sie diese Themen aus der Bildermenge heraus und betrachten Sie sie im Hinblick auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Was kommt immer wieder vor? Was variiert von Aufnahme zu Aufnahme? Was machte jeweils den Reiz aus, dass das Bild überhaupt entstanden ist? Setzen Sie sich mit den Bildern auseinander und Sie werden schnell einige Aspekte finden, die als Grundlage für ein Konzept genügen werden und in Zukunft das gezielte Weiterführen der Serie ermöglichen.
Ideensuche
  1. Ein weiterer Weg beginnt nicht in der Fotografie, sondern in einem anderen Bereich Ihres Lebens. Haben Sie ein wichtiges Hobby, eine Leidenschaft, ein großes Interessengebiet? Beschäftigen Sie sich mit einem bestimmten Thema immer wieder? Kommen Sie mit einer bestimmten Menschengruppe in Kontakt? Mögen Sie Tiere? Haben Sie Kinder? Gefällt Ihnen eine bestimmte Epoche der Kunstgeschichte oder ein architektonischer Baustil? Welche Musik hören Sie gern? All das kann zu einem Aufhänger für eine fotografische Auseinandersetzung werden, die Sie mit wachsender Begeisterung verfolgen können, wenn Sie feststellen, dass Sie mithilfe der Fotografie ein neues Medium für Ihr ganz persönliches Thema gefunden haben. Fügen Sie vielleicht noch ein oder zwei gestalterische oder motivliche Einschränkungen hinzu, um das Thema einzuschränken und klarer zu fassen und fertig ist Ihr Konzept.
  2. Vielleicht ist Ihr Thema auch theoretischerer Natur und Sie möchten sich beispielsweise mit einer bestimmten Emotion, einem abstrakten Begriff oder einer Geschichte beschäftigen. Gerade Emotionen und abstrakte Begriffe, die Sie fotografisch einfangen und in all ihren Facetten sichtbar und auch greifbar machen, können ein tragfähiges Konzept für Ihre Fotografie bilden. Stellen Sie sich vor, was man aus Begriffen wie Sehnsucht, Alter, Dominanz, Heimat oder Unterdrückung alles für spannende Serien gestalten könnte.
  3. Ein fotografisches Konzept kann auch an einen bestimmten Anlass gekoppelt oder auf diesen ausgerichtet sein, wie zum Beispiel ein Firmenjubiläum oder ein Feiertag. Sich anlässlich eines bestimmten Ereignisses ganz gezielt vorzunehmen, dieses fotografisch aufzuarbeiten, zu begleiten oder umzusetzen, ist ebenfalls eine Form des konzeptionellen Fotografierens. Der besondere Reiz kann hier zum einen der Termindruck sein, der das Projekt zwar begrenzt, aber auch vorantreibt; und zum anderen gibt es bei (festlichen) Anlässen nicht selten die Möglichkeit das Ergebnis Ihrer Arbeit auszustellen und so im passenden Kontext den Betrachtern zu präsentieren, die einen unmittelbaren Bezug zum Thema haben. Wird Ihre Firma dreißig Jahre alt? Feiert Ihre Stadt demnächst tausendjähriges Bestehen? Steht für ein Familienmitglied ein Umzug in eine andere Stadt an? Oder möchten Sie für das nächste Jahr einen schönen Kalender kreieren? Dann suchen Sie einen Ansatzpunkt, sich auf Ihre ganz persönliche Art mit diesem Ereignis auseinanderzusetzen.
Ideensuche
  1. Auf der Suche nach einem Konzept müssen Sie nicht zwangsläufig inhaltlich- motivlich vorgehen, sondern können auch auf formaler oder technischer Ebene einen Anknüpfungspunkt finden. Letzteres wäre immer dann der Fall, wenn Sie zum Beispiel eine bestimmte Aufnahmetechnik, wie das Bewegen der Kamera bei der Aufnahme, oder ein eher ungewöhnliches Stück Kameraausrüstung, wie ein Fisheye oder ein Tilt-Shift-Objektiv, zur Grundlage Ihres Konzeptes machen. Sie müssen ja nicht gleich Ihre Kamera beim Fotografieren in die Luft werfen, wie der bekannte texanische Fotograf Ryan Gallagher es gemacht hat. Bei eher formal orientierten Fotoprojekten machen Sie es sich zur Aufgabe, verschiedene Motive mit einem bestimmten, immer wiederkehrenden Bildgestaltungsmittel einzufangen. Das kann die Arbeit mit Unschärfe, einer bestimmten Perspektive oder die Limitierung auf eine bestimmte Farbe oder Form sein.
  2. Eine letzte Möglichkeit, eine Idee für ein Konzept oder gar ein ganzes Konzept zu bekommen, ist, sich gezielt Hilfe von jemandem anderes zu suchen. Insbesondere dann, wenn Ihnen partout nichts einfallen möchte, sollten Sie nicht davor zurückschrecken, jemanden zu fragen, dem es leicht fällt, sich so etwas auszudenken. Achten Sie darauf, dass der andere Sie und auch Ihre Art zu fotografieren gut kennt, vielleicht jemand aus Ihrer Familie oder aus Ihrem fotografischen Umfeld. Besprechen Sie die eigenen Vorstellungen und (unausgereiften) Ideen so ausführlich wie möglich mit demjenigen, oft ergeben sich daraus plötzlich ganz andere, ungeplante Ideen. Wenn Sie eine Idee gefunden haben, sollten Sie nicht sofort mit der Umsetzung beginnen, sondern erst noch eine Weile darüber nachdenken. Prüfen Sie, ob die Idee verständlich und nachvollziehbar und wirklich dazu in der Lage ist, eine längere Fotostrecke zu tragen, und ob Sie sie auch über einen längeren Zeitraum hinweg umsetzen können – und wollen.

Ausarbeitung

Steht für Sie das Thema fest und Sie wissen nun, worauf sich das konzeptionelle Arbeiten stützen soll, so beginnt der zweite Teil der wichtigen vorbereitenden Arbeit: Das Ausarbeiten dieser Idee zu einem tragfähigen Konzept.

Tragfähigkeit bedeutet an dieser Stelle, dass es Ihnen mit dem Konzept gelingt, mehr als nur eine Ansammlung von Bildern zu machen, die irgendwie zusammengehören. Ziel einer Fotostrecke sollte es nämlich sein, möglichst viele Betrachter zu einer intensiven Betrachtung und Auseinandersetzung mit Ihren Bildern zu bewegen. Wenn eine Bilderstrecke also trägt, heißt das, dass sich die Betrachter alle Bilder gerne ansehen möchten, ohne angeweile zu empfinden.

Um von vornherein zu prüfen, ob Ihr Konzept dieses Ziel erreichen kann, fragen Sie sich Folgendes: Hat das Thema ausreichend viele inhaltliche Facetten, die Sie mit Fotos zeigen können, um zu viele Wiederholungen und zu ähnliche Bildergebnisse zu vermeiden? Diese verschiedenen Seiten des Themas auch tatdauer Ihres Konzeptes macht großen Sinn. Wenn Sie dann während des Fotografierens bemerken, dass das Konzept das Zeug zu einer Verlängerung hat oder im Gegenteil den gewünschten Umfang eigentlich nicht trägt, lässt sich das jederzeit anpassen.

Ausarbeitung
  1. Inhaltliche Vorgaben: Machen Sie sich hier Gedanken über das, was Sie fotografieren werden. Je konkreter, desto besser – das kann von einer trockenen Ideenliste bis hin zu detaillierten Skizzen einzelner Aufnahmen gehen. überlassen Sie nicht alles dem Zufall und verlassen Sie sich nicht ausschließlich auf Ihre Intuition. Hier spielt auch alles das eine Rolle, was noch mit auf dem Bild ist, aber vielleicht nicht tragendes Hauptmotiv ist. Entscheiden Sie sich, ob Sie die Aufnahmen im Studio, outdoor oder on location gezielt inszenieren oder ob Sie rein reaktiv fotografieren und die Motive finden beziehungsweise gezielt nach ihnen suchen wollen.
Ausarbeitung
  1. Bildgestalterische Vorgaben: Auch auf rein formaler Ebene können und sollten Sie sich Gedanken machen, um die Bildsprache passend zur Konzeptidee auszuarbeiten. Jedes einzelne Bildgestaltungsmittel verdient dabei eine getrennte Betrachtung: Bildformat, Ausschnitt, Anordnung auf der Bildfläche, Linienführung, Perspektive, Licht (Richtung, Qualität, Farbe), Farben sowie Schärfe und Unschärfe.
  2. Technische Vorgaben: Neben Aspekten der Belichtung geht es hier natürlich auch um die Ausrüstung, die Sie bei Ihren Aufnahmen einsetzen möchten. Das können eine spezielle Kamera, bestimmte Brennweiten, Lichtquellen oder andere Hilfsmittel sein, die Teil des Bildkonzeptes werden könnten.
  1. Form der Nachbearbeitung: Da ein Foto heutzutage selten fertig ist, wenn es aus der Kamera kommt, sollten Sie auch die spätere Aufbereitung am Rechner nicht außer Acht lassen. Sind Sie eher der Purist, kann sich dieser Punkt in Ihrem Exposé auch auf „keine Nachbearbeitung erwünscht“ reduzieren, doch in den meisten Fällen bekommt die Nachbearbeitung ebenfalls eine wichtige Rolle im Gesamtkonzept zugewiesen. Das kann – insbesondere bei aufwendigeren Bearbeitungen – sogar zu einem eigenen, zentralen Konzeptthema werden, wenn Sie beispielsweise Ihren Bildern eine ganz spezielle (alb-)traumhafte ästhetik verleihen oder in Composings ganz neue Welten erschaffen.
  2. Form der Präsentation: Diesen Aspekt sollten Sie auf keinen Fall vergessen, denn in der Regel kann man davon ausgehen, dass eine konzeptionell aufbereitete Fotostrecke nicht dem Zweck dienen soll, in Ihrem Bildarchiv zu versauern. Stattdessen denken Sie sicherlich darüber nach, die Aufnahmen später irgendwann irgendwem zu zeigen. Das kann in Form einer Online-Präsentation auf Ihrer Homepage oder in einem Social Network geschehen oder in einer klassischen Ausstellung, die abgezogene und gerahmte Bilder verlangt. Limitieren Sie sich hier nicht allzu stark, da ein eigentlich nur für das Internet fotografiertes Projekt vielleicht ein Eigenleben entwickelt und so große Resonanz erfährt, dass es doch irgendwann gedruckt wird. Achten Sie also auf ausreichend große Bilddateien.
    Wenn Sie der Meinung sind, Ihr Exposé sei vollständig und umfasse alle relevanten Eckpunkte, dann nehmen Sie sich das Geschriebene noch einmal vor und markieren Sie all das, was jedes Bild Ihrer Fotostrecke zwingend aufweisen muss. Denn nur das, was bei allen Aufnahmen einheitlich vorhanden sein soll, bildet den Kern Ihres Konzeptes, an dem Sie die Bildergebnisse messen. Alles andere kann zu einer Art variantenreichem Ideenpool werden, aus dem Sie sich frei bedienen können, um den einzelnen Bildern etwas Eigenes, Unverwechselbares mitzugeben. Die schriftliche Fixierung hilft Ihnen dabei, sich an alle Aspekte und überlegungen zu erinnern, selbst wenn Sie das Projekt über einen längeren Zeitraum verfolgen oder gezwungen sind, die Umsetzung mal für eine gewisse Zeit zu unterbrechen. Und zögern Sie nicht, Ihr Konzept immer wieder anzupassen, wenn Sie beim Fotografieren merken, dass sich ein bestimmter Aspekt als unpraktikabel erweist. Aber das Wichtigste dabei ist: Haben und behalten Sie den Spaß dabei, Ihre ganz persönliche Bilderserie Stück für Stück, Foto für Foto zum Leben zu erwecken. So werden Sie andere faszinieren, begeistern und in Ihre Welt entführen. cb/gb