Fotografie heißt übersetzt „Zeichnen mit Licht“. In keinem anderen Genre wird dies so wörtlichgenommen wie beim Lightwriting.

Lichtmalerei

Unter dem Begriff Lightwriting wird eine bestimmte fotografische Technik verstanden, bei der im Dunkeln eine künstliche Lichtquelle so bewegt wird, dass sie im Rahmen einer Langzeitbelichtung ganz gezielt gestaltete Lichtspuren auf dem Bild hinterlässt. Es unterscheidet sich wie kaum ein anderes fotografisches Genre von dem, was wir normalerweise unter Fotografieren verstehen. Denn Lightwriting findet nicht nur nachts und bei möglichst wenig Licht statt. Der Fotograf muss darüber hinaus das Licht auch noch selbst mitbringen und sieht dabei auch nicht, was er fotografieren wird. Dafür hat er alles – vom Anfang bis zum Endergebnis – vollständig in der Hand und kann die Motive frei nach seinen eigenen Ideen erschaffen.

Große Spannbreite

Die Spannbreite dieser künstlerischen Ausdrucksform ist dabei extrem weit gefasst und wird nur durch Ihre Fantasie, Ihre Beweglichkeit und Ihre Ausdauer beschränkt. Die ersten Schritte auf dem Weg zum Lightwriting hat wohl jeder schon einmal probiert und im Dunkeln mit einem Feuerzeug odereiner Wunderkerze ein Herz, einen Namen oder an Silvester die Jahreszahl in die dunkle Nacht geschrieben. Und nicht wenige haben auch schon einmal versucht, dies – mehr oderweniger erfolgreich – mit der eigenen Kamera festzuhalten. Auch solche noch relativ einfachen Fingerübungen fallen schon in die Kategorie Lightwriting.

Schon etwas anspruchsvoller zu gestalten, sind kleine Figuren, kunstvolle Formen oder die leuchtende Umrandung eines Gegenstandes. Am spannendsten und beeindruckendsten aber sind die Bilder mit mehreren kunstvoll choreografierten Figuren, die miteinander und mit der Umgebung interagieren – sie stellen die hohe Kunst des Lightwriting dar.

Große Spannbreite

Kein Bild ohne Konzept

Der am stärksten unterschätzte Aspekt des Lightwriting ist sicherlich die Vorbereitung. Denn ohne ein sauber durchdachtes Konzept, ohne sehr viel Planung und übung nützt Ihnen die beste Idee nichts, und Sie werden kein stimmiges Lightwriting zustande bringen. Das liegt an der Unbarmherzigkeit dieses besonderen Motivs: Nur wenn die Lichtstriche vollkommen sauber ausgeführt werden, wirkt das Ergebnis gekonnt.

Jeder noch so kleine Schlenker, Ausrutscher oder Verwackler ist auf dem Bild überdeutlich zu sehen und lässt es mangelhaft wirken. Und dieser hohe Grad der Perfektion ist ohne intensive Vorbereitung nicht zu erreichen. Die Konzeption fängt schon bei der Ideenfindung an: Stellen Sie sich unbedingt vorab die Frage, welches gemalte Element so interessant und faszinierend sein könnte, dass es allein oder zusammen mit der Umgebung stark genug ist, den Blick des Betrachters länger zu fesseln. Da Sie als Fotograf nicht zufällig über solche Motive stolpern können, müssen Sie sich diese selbst ausdenken, was eine Menge Fantasie und Vorstellungskraft verlangt. Am besten ist, Sie machen ein Foto von dem geplanten Hintergrund bei Dunkelheit und zeichnen dann in das Bild die gewünschte Figur ein. Das können Sie am komfortabelsten mit einem Grafiktablett am Rechner machen, aber zur Not funktioniert auch ein Silberstift oder Leuchtmarker auf einem Ausdruck.

Der nächste Schritt ist die überlegung, wie Sie das gewünschte Motiv in einzelne Lichtstriche zerlegen und mit welchen Bewegungsabläufen Sie diese am schnellsten und flüssigsten ausführen können. üben Sie diese erst einmal zu Hause im Trockenen, um zu überprüfen, ob alles auch wirklich so zur Geltung kommt, wie Sie es sich vorstellen.

Diese übung benötigen Sie außerdem auch, damit die Bewegungsabläufe bei der eigentlichen Aufnahme sitzen und so flüssig wie möglich ablaufen, um den hohen Anspruch an die Perfektion der Bewegungsspur zu erzielen.

Stellen Sie sich das wie eine Choreografie bei einem kurzenBallettstück vor – je komplexer Ihre Lichtfigur werden soll,desto schwieriger ist der Bewegungsablauf und desto öfterwerden Sie im Vorfeld ihn üben müssen.

Spannende Motive

Neben den geometrischen Formen sind es vor allem einfache Symbole, mit denen Sie anfangs üben sollten. Dazu gehören Buchstaben, Zahlen, bestimmte Symbole wie Herz oder Kreuz und einfache Formen wie stilisierte Blumen oder Gesichter. Sehr schön wirken auch einfach geschwungene Lichtstreifen, die umso aufregender und lebendiger wirken, je stärker Sie das Licht dreidimensional im Raum bewegen.

Bei deutlich komplexeren Figuren wie ganzen Personen, Autos,Geschenken, Totenköpfen, Firmenlogos, ganzen Schriftzügenoder anderem kann es eine gute Unterstützung sein,mit einer Schablone zu arbeiten. Schneiden Sie die Konturender gewünschten Form aus großer chwarzer Pappe ausund fahren mit der Lampe darum, um eine exakte Form zuerhalten. Besonders beliebt ist es auch, Gegenstände durchHinzufügen von Armen, Beinen und Gesichtern aus Licht zulebendig wirkenden Personen zu machen.

Die richtige Location

Die richtige Location

Ein ganz entscheidender Teil der Vorbereitung liegt natürlich auch in der Auswahl des richtigen Aufnahmeortes. Da bei den meisten Lightwritings die Umgebung zu erkennen ist, wird sie damit automatisch zu einem wichtigen inhaltlichen Bestandteil des Fotos.

Besonders gut für Lightwriting geeignet sind Orte, die nicht allzu hell, aber auch nicht vollkommen dunkel sind. Hohe Laternen, welche die Szene gleichmäßig erleuchten sind dafür ebenso gut geeignet wie das indirekte Licht von Reklamen oder Häusern. Achten Sie aber darauf, dass das Licht nicht zu hell wird, wie zum Beispiel bei Fußballfeld oder Baustellenbeleuchtungen, und dass Sie die Lichtquelle selbst nicht mit ins Bild bringen.

Auch sollte der Ort ausreichend ruhig sein, also abends und nachts kaum Auto- oder Fußgängerverkehr aufweisen.

Last, but not least braucht die ideale Location mehrere inder Tiefe gestaffelte Bildelemente, die nicht platt in einer Ebene angeordnet sein sollten. Das können Hausecken,Büsche, Wege, Abfalleimer, Zäune oder ähnliches sein.

Eines davon sollte – neben dem eigentlichen Star des Bildes, der Lichtspur oder -figur – zum zweiten Hauptelementim Bild taugen und entsprechend dominant in Szene gesetzt werden. Idealerweise passen diese beiden Elemente inhaltlich zueinander und beziehen sich aufeinander- die Lichtspur bildet beispielsweise eine Figur,die auf einer Parkbank sitzt, oder einen Schriftzug, denSie an einer Hausfassade platzieren.

Vielleicht finden Sie aber auch ein sehr spannendes unbeleuchtetes Objekt oder Gebäude, dessen Konturen oder BesonderheitenSie mit einer Lampe punktuell beleuchten undes so – neu akzentuiert – aus der Dunkelheit schälen. DieseUnterform des Lightwriting wird Lightpainting oder auchLightgraffiti genannt.

Nichts geht ohne Teamwork

Nur die einfachsten Lichtformen können Sie – mit viel übung – ganz alleine auf den Sensor bringen, in der Regel benötigen Sie für Lightwriting jedoch Unterstützung. Das kann einfach nur jemand sein, der auf Zuruf den Fernauslöser drückt, wenn Sie in Positur stehen. Gegebenenfalls gibt er Ihnen aber auch ein direktes Feedback zu dem Ergebnis oder korrigiert Ihre Position und Haltung – ohne dass Sie jedes Mal selbst hinter die Kamera laufen müssen und anschließend die Pose doch nie wieder genauso hinbekommen. Und nicht zuletzt können mit mehreren Lichtschreibern, die gleichzeitig mit einer Lichtquelle in der Hand agieren, viel komplexere und ungewöhnlichere Lightwritings realisiert werden.

Nichts geht ohne Teamwork

Die ersten Schritte

Wichtigstes Utensil beim Lightwriting ist ein möglichst stabiles Stativ, das Ihre Kamera auch mehrere Sekunden oder sogar Minuten vollkommen ruhig hält, selbst wenn in einiger Entfernung ein Auto vorbeifahren sollte. Wählen Sie dann den gewünschten Bildausschnitt und überprüfen ihn, gegebenenfalls indem Sie ihn mit einer starken Taschenlampe ausleuchten. Machen Sie dort eine Markierung auf den Boden, wo Sie anschließend für das Lightwriting stehen wollen und fokussieren auf diese Stelle. Halten Sie dabei etwas Kontrastreiches an die Stelle und leuchten es mit einer starken Taschenlampe an. Das reicht oft für den Autofokus aus, anschließend stellen Sie jedoch auf den manuellen Fokus um, damit der AF nicht während der Aufnahme plötzlich anfängt, nach der Schärfe zu suchen. Und nutzen Sie ruhig das RAW-Format, um alle möglichen Bildinformationen für die anschließende Bearbeitung zu sichern.

Richtig belichten

Da der Belichtungsmesser Ihrer Kamera bei tiefer Dunkelheit nicht mehr funktioniert, werden Sie auf andere Weise die richtige Belichtung ermitteln müssen. Entgegen dem, was man im ersten Augenblick vielleicht denkt, sollten Sie eine möglichst niedrige ISO-Zahl wählen, um das Rauschen – gerade bei den vielen sehr dunklen Bildbereichen – möglichst niedrig und die Bildqualität hoch zu halten. Auch die Blendenöffnung sollten Sie eher klein halten, weil Sie zum einen im Dunkeln selten ganz exakt fokussieren können und zum anderen auch wegen der Bewegung eine höhere Schärfentiefe benötigen. Mit ISO 100 und Blende 16 oder sogar 22 liegen Sie also richtig. Dass passt auch hervorragend zum Lightwriting, da Sie ohnehin sehr lange Verschlusszeiten benötigen, um Ihre Bewegungen ausführen zu können.

Welche Zeit für die jeweilige Aufnahmesituation dann dierichtige ist, müssen Sie durch gezieltes Experimentieren undAusprobieren ermitteln. Bewerten Sie das Bildergebnis abernicht nur auf dem Kameramonitor, sondern ziehen dafür unbedingtauch das Histogramm zurate. Ermitteln Sie erst diepassende Belichtung für die noch unbeleuchtete Szenerie.Wenn Sie Ihre Lichtquelle anschließend in Richtung Kamerarichten, sind diese Werte auch die richtigen. Wenn Siejedoch mit dem Licht noch einen Gegenstand beleuchten,kann sich dadurch der Wert noch einmal verändern.

Zeiten von über 30 Sekunden sind beim Lightwriting keineSeltenheit. Für so lange Verschlusszeiten müssen Sie auf die ‚B‘- oder ‚Bulb‘-Einstellung Ihrer Kamera zurückgreifen:Hierbei wird der Verschluss so lange offengehalten, wie Sieden Auslöser gedrückt halten. Da Sie jedoch trotz Stativ eineganz ordentliche Verwacklung mit ins Bild brächten, wennSie mit dem Finger auslösen würden, benötigen Sie einenFernauslöser mit Feststelltaste.

Für lange Verschlusszeiten bieten die meisten Kameras einesehr sinnvolle Funktion an, welche die Bildqualität spürbarerhöht, sie heißt meist ‚Rauschminderung bei Langzeitbelichtung‘. Dabei fertigt die Kamera nach der Aufnahme einezweite mit derselben Verschlusszeit, aber mit geschlossenem Verschluss an. Auf dieser ist dann eine bestimmte Form der Rauschens deutlich zu sehen und kann dementsprechendeinfach herausgerechnet werden.

Vielleicht bietet Ihre Kamera Ihnen auch die Möglichkeit der Mehrfachbelichtung, dann können Sie nacheinander in unterschiedlichen Bereichen des Bildes verschiedene Lightwritingsausführen und so direkt auf einem Bild kombinieren.Achten Sie dabei aber darauf, dass sich die Belichtung fürden Hintergrund bei mehreren Aufnahmen addiert.

Die Lichtquellen

Die Lichtquellen

Als Lichtquellen bietet sich alles Mögliche an, was Sie in die Hand nehmen und bewegen können. Das geht los bei den Klassikern Feuerzeug, Streichhölzer, Kerze, öllampe, Wunderkerze und Fackel, allesamt flackernde Lichtquellen mit eher rötlicher Farbe. Exakter arbeiten, können Sie jedoch mit allen Arten von Lampen, wobei die sich in der Farbe, der Form und der Leuchtdauer unterscheiden. Taschenlampen oder LED-Leuchten geben punktförmiges Licht ab und sind gut dafür einzusetzen, mit einer einzelnen dünnen Spur Worte, Symbole oder eine einzelne Verbindung zu zeichnen. Knicklichter, Kaltlichtdioden oder Leuchtstoffröhren verfügen hingegen über einen länglichen Leuchtkörper und schaffen so breitere und hellere Leuchtstreifen, die in den Kurven schmaler werden.

Eine Kombination aus beidem erzielen Sie, wenn Sie mehrerekleine punktförmige LEDs in gleichmäßigem Abstand aufein Brett montieren. Dann erhalten Sie viele feine Lichtspuren,die parallel zueinander verlaufen und sich wie eine breiteLichtquelle verhalten. Dies wirkt besonders edel. Natürlichkönnen Sie dafür selbst handwerklich tätig werden, umetwas ganz Besonderes zu kreieren, aber ein gut sortierter Elektronikfachmarkt oder diverse Spezialshops im Internethalten da bereits eine enorme Auswahl fertiger Lampenbereit. Jede Lampe hat ihre ganz eigene Lichtfarbe, die Siemeist erst dann genau bestimmen können, wenn sie dieseauf dem Foto sehen. Grundsätzlich wird beim Lightwritingoft mit einem ganz normalen Tageslicht-Weißabgleich gearbeitet, um die Farbigkeit der Kunstlichtquellen zu erhalten.Sie können aber auch gezielt mit anderen Weißabgleichenexperimentieren, um die Farbe Ihrer Lichtquelle zu verändern.Alternativ können Sie farbige Folien vor die Lichtquellehalten oder gleich Lampen kaufen, die eine Farbe aufweisenoder zwischen mehreren Farben hin- und herschalten können.Leuchtdioden, die in schneller Folge automatisch dieFarbe wechseln ergeben so sehr schöne und ungewöhnlichevielfarbige Spuren im Bild.

Dabei muss die Lampe nicht unbedingt dauerhaft leuchten. Gerade blinkende Lichter wirken sehr reizvoll, weil ihre Lichtspuren nicht so aufdringlich, sondern zarter und edler erscheinen. Je schneller das Blinken ist, desto näher liegen die einzelnen Leuchtpunkte in der Lichtspur aneinander. Vielleicht haben Sie eine abnehmbare Fahrradlampe, mit der Sie da experimentieren können, ansonsten bieten auch hier wieder Elektronikmärkte und Onlineshops eine breite Auswahl.

Die Helligkeit Ihrer Lichtquelle im Bild wird von verschiedenen Faktoren bestimmt. Natürlich ist die Lichtabgabe der einzelnen Quellen schon von Haus aus sehr unterschiedlich. Aber auch die Entfernung zur Kamera und die Geschwindigkeit der Bewegung bestimmen, wie hell sie wirkt. Sehr helle, nahe und langsame Leuchtspuren tendieren dazu, bei der langen Verschlusszeit zu überbelichtungen zu führen. Das wird beim Lightwriting zwar nicht unbedingt als fehlerhaft empfunden, führt aber zu ausgefressenen, zeichnungs- und farblosen Bereichen im Bild. Eleganter ist es also, eine nicht allzu helle Lichtquelle zu wählen, die noch innerhalb des Dynamikumfangs der Kamera liegt, zumal bei dieser dann auch die Farbe zu erkennen ist, was dem Bild eine größere emotionale Komponente mitgibt. cb/gb