Diese drei Elemente bieten sich als wichtiges Gestaltungsmittel Ihrer Fotos an. Lesen Sie die Tipps unserer Fotoprofis.

Linien, Flächen und Formen in der Fotografie

Reduziert man die drei Dimensionen der Realität auf die beiden der Fotografie, entstehen zwangsläufig Linien und Flächen. Beides sind nicht nur wichtige Bestandteile und Elemente eines jeden Bildes, sondern – gezielt und zum Motiv passend eingesetzt – auch wichtige Mittel der Bildgestaltung. Grund genug dafür, sich einmal etwas genauer mit diesem Thema zu befassen.

Als Bestandteile der Bildgrafik zählen Linien und Flächen zu wichtigen Mitteln der Führung des Blickes durch ein Bild. Je dominanter eine Linie beziehungsweise Fläche ist, desto stärker zieht sie die Aufmerksamkeit auf sich und leitet so den Betrachter durchs Bild. Darüber hinaus erzeugen diese grafischen Elemente Kontraste innerhalb der Aufnahme und verdeutlichen den Bildinhalt. Vereinfacht ausgedrückt kann man sagen, dass es kein Bild ohne Linien und Flächen gibt und es deshalb nicht darum geht, diese zu erzeugen, sondern sie gezielt und passend zu Bildinhalt und -aussage einzusetzen und auf der Bildfläche anzuordnen.

Entstehung von Linien und Flächen

Linien und Flächen bedingen einander. An den Rändern einheitlicher Flächen entstehen durch den Kontrast zur Umgebung eben genau die Linien, die dem Bild sein grafisches Gerüst geben. Und jede Fläche wird von einer Linie umfasst und dadurch gegen die umliegenden Flächen abgegrenzt. Wäre das nicht der Fall, würden wir keine zwei unterschiedlichen Flächen wahrnehmen, sondern lediglich eine große Gesamtfläche. Das funktioniert auch bei Flächen, die so klein sind, dass sie uns eher wie ein Punkt vorkommen oder die erst zusammengefasst ein Bildelement ergeben, das wir als solches separat vom übrigen Bildinhalt wahrnehmen können.

Linien und Flächen können sowohl tatsächlich im Bild vorhanden sein beispielsweise durch die Abbildung eines Baumstammes oder einer Hauswand, oder imaginär dadurch entstehen, dass einzelne Bildelemente zu einer Linie oder Flächenform verbunden wahrgenommen werden. So führt eine Reihe von Punkten zwangsläufig dazu, dass wir sie als Linie einordnen. Auch Flächen können sich daraus ergeben, dass sich ähnliche oder gleiche Bildelemente wiederholen oder verschiedene Bildelemente zum Beispiel einen Teil des Hintergrunds aussparen und dieser als Form wirkt.

Eine Sonderrolle nehmen Blicke ein, die ebenfalls Linien bilden, da wir der Blickrichtung einer abgebildeten Person oder eines Tieres gezwungenermaßen folgen wollen. Dadurch kann allein die Augenstellung eines Lebewesens dazu führen, dass eine Verbindungslinie zwischen ihr und einem anderen Bildelement entsteht.

Linien

Jede Linie im Bild hat drei Eigenschaften:
erstens ihre Dominanz, zweitens ihre Länge und drittens ihre Richtung. Diese drei Aspekte beeinflussen maßgeblich, wie stark und in welcher Form eine Linie auf den Betrachter wirkt. Unter dem Begriff Dominanz sind die Farbe, Breite, Helligkeit, Schärfe und Struktur einer Linie im Vergleich zu ihrer direkten Umgebung zu verstehen. Prinzipiell kann davon ausgegangen werden, dass scharfe, stark kontrastierende, breite und einfarbige Linien dominanter sind als andere. Und auch die Menge der im Bild vorhandenen Linien verändern die Wichtigkeit jeder einzelnen: Je mehr davon vorhanden sind, desto weniger stark wirkt die einzelne Linie.

Genauso wirken längere Linien prinzipiell stärker als kürzere, wobei zu lange, über die gesamte Bildfläche gehende Linien, diese zu teilen scheinen und eher die Funktion eines Rahmens, einer äußeren Begrenzung übernehmen, statt den Blick des Betrachters durchs Bild zu leiten.

Reicht eine dominante Linie bis an den Bildrand und führt so den Blick aus der Bildfläche hinaus, können Sie mit einem gezielt eingesetzten Blickstopp den Betrachter daran hindern, die Aufnahme zu verlassen. Das kann ein gegenüber dem restlichen Bild unschärferer oder dunklerer Bereich, eine gegenläufige Linie oder ein hochinteressantes, in der Nähe platziertes Element sein.

Linien

Bei der Richtung einer Linie ist es wichtig, sich klarzumachen, dass eine Leserichtung existiert (in der westlichen Welt von links nach rechts), in der wir auch ein Bild wahrnehmen und betrachten. Daraus resultiert auch die Richtung einer diagonalen Linie, die – anders als bei einer waagerechten oder senkrechten Linie – entweder von links nach rechts ansteigt oder abfällt. Jede Richtung einer Linie gibt der Aufnahme eine ganz spezifische Wirkung:

  • Waagerechte Linien die das Bild komplett teilen, erinnern uns an die Horizontlinie. Diese Teilung wird deshalb nicht als störend empfunden, weckt aber die Erwartungshaltung einer exakt waagerechten Ausrichtung und einem Motiv, das diese Assoziation und auch diese Teilung verträgt. Eine Aufnahme wird durch eine solche horizontale oder Horizontlinie stark gewichtet – und zwar zugunsten des größeren Teils. Daher ist die Platzierung dieser Linie besonders entscheidend: Je mittiger sie verläuft, desto ruhiger, statischer und langweiliger wirkt die Bildgestaltung; je randnäher sie liegt, desto entschiedener, spannender und dynamischer wird das Bild wahrgenommen.
  • Beginnt eine horizontale Linie außerhalb des linken Bildrandes und endet innerhalb des Bildes, nehmen wir diese als Einstieg ins Bild wahr, dem wir gerne ins Bild folgen.
  • Beginnt eine horizontale Linie innerhalb des Bildes und endet außerhalb des rechten Bildrandes, so folgen wir dieser aus dem Bild hinaus und verlassen es, was im Grunde genommen nicht im Sinne einer guten Blickführung sein Es ist wichtig, die Linien und Formen im Bild auf Motiv und Bildinhalt abzustimmen. Die Symbolik der sich kreuzenden Wege passt zur Momentaufnahme des Pärchens, das auf diese Kreuzung zusteuert. Es entsteht eine Geschichte mit ungewissem Ausgang. Gehen sie gemeinsam weiter oder trennen sich ihre Wege? kann, da diese versucht, den Betrachter im Bild zu halten.
  • Befinden sich Anfangs- und Endpunkt der Waagerechten innerhalb des Bildes, folgen wir der Linie von links nach rechts – je nach Dominanz der Linie entsprechend schneller und sehen dabei eventuell an anderen Bildelementen vorbei.
  • Vertikal das Bild teilende Linien wirken zerschneidend und können so störend wirken, dass das Bild nicht mehr als eines, sondern wie zwei nebeneinanderstehende Aufnahmen wahrgenommen wird. Nahe der Bildränder wecken solche Linien jedoch Assoziationen an einen Rahmen, der das eigentliche Motiv in der Bildmitte betont.
  • Beginnt und endet eine senkrechte Linie innerhalb der Bildfläche, stoppt die Linie immer auch den Blick des Betrachters entlang der Leserichtung. In welche Richtung der Blick danach weitergeleitet wird, entscheidet das Motiv: Nach Oben strebende Motive lassen auch Linien von unten Nach Oben wirken, während nach unten gerichtete Motive auch den Linien eine Abwärtsbewegung geben.
  • Dies gilt grundsätzlich auch für senkrechte Linien, die außerhalb des Bildes beginnen, wobei bei einer überschneidung der unteren Bildkante schneller eine wachsende Aufwärtsbewegung assoziiert wird; und Linien, die den oberen Bildrand kreuzen, wirken in der Regel aufgehängt oder fallend.
  • Das Bild schräg durchlaufende Linien wirken schneller, lebendiger, dynamischer und auch natürlicher als gerade ausgerichtete. Dementsprechend wirkt eine schräge Bildteilung auch nur dann wirklich zerteilend, wenn die Linie zwei gegenüberliegende Ecken verbindet, also exakt diagonal verläuft.
  • Von links oben nach rechts unten verlaufende Linien wirken negativer, kraftloser und symbolisieren eine Abwärtsbewegung.
  • Von links unten nach rechts oben führende Linien wirken im Gegensatz dazu positiver, fröhlicher und geben der gesamten Aufnahme einen aufwärtsgerichteten Schwung.
  • Aus mehreren Richtungen auf einen (innerhalb oder außerhalb des Bildes liegenden) Punkt schräg zulaufende Fluchtlinien verleihen einem Bild Räumlichkeit und ziehen den Blick des Betrachters sehr stark an.
  • Die Sonderform der stürzenden Linien verlaufen ebenfalls schräg durchs Bild, kommen jedoch nur in Kombination mit sehr hohen, eigentlich rechtwinkligen Motiven (Architektur) zustande und geben dem Bild eine sehr dynamische, subjektive Note.
  • Darüber hinaus gibt es natürlich auch gebogene oder wellenförmige Verläufe, die entweder gleichmäßige oder ungleichmäßige Figuren bilden und dadurch nicht selten eher als Form denn als Linie wirken. Sie geben ihre Richtung weniger klar vor und führen den Blick auch entsprechend sanft durchs Bild. Neben geraden Linien haben organische Linienformen wenig Chancen, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, da sie weniger dominant sind.

Allerdings kann es auch zu optischen Gegenbewegungen kommen, also zu irreführenden Konstellationen, bei denen dann die Linie in die falsche Richtung zu laufen scheint. So etwas geschieht oft bei Zick-Zack-Linien oder bei Motiven, die sich selbst bewegen, wie zum Beispiel einem fahrenden Auto. Deren Linien können dabei zwar von rechts nach links gehen, gleichzeitig wirken die Bewegungen aber in die andere Richtung.

Linien gezielt einsetzen

Linien gezielt einsetzen

Linien können also in verschiedenen Qualitäten, Mengen und Richtungen vorkommen und entsprechend unterschiedlich stark auf den Betrachter wirken. Um Linien bewusst zu einem Werkzeug der Bildgestaltung zu machen, sollte das Ziel immer sein, den Blick des Betrachters auf nachvollziehbare Weise durch das Bild zu führen und im Bild zu halten. Je weniger Elemente Sie innerhalb einer Aufnahme kombinieren, desto einfacher wird es fallen, solch eine geschlossene Linienführung zu bilden.

Wie stark der Betrachter dabei allein durch die Linien im Bild geführt wird und weniger durch einzelne Bildelemente, die seine Aufmerksamkeit erregen und seinen Blick sprungartig anziehen, hängt auch von der übrigen Bildgestaltung ab:

So treten bei einem Schwarz-Weiß-Foto die Linienstrukturen sehr viel stärker in den Vordergrund als bei einem Farbbild. Auch wenig Unschärfen führen zu einer deutlich stärkeren Dominanz der Linien als bei einer Aufnahme, bei der Sie als Fotograf bereits durch eine Schärfe-Unschärfe- Verteilung Ihr Motiv gewichten. Um es dem Betrachter leichter zu machen, Ihrer Blickführung zu folgen, sollten Sie versuchen, möglichst viele Bildgestaltungsmittel auf Ihre Idee auszurichten, das heißt, die Linien auch durch Farbverteilung, Schärfeverlauf, Ausschnitt und Perspektive zu unterstützen. Weist ihr Motiv von sich aus viele schräge, in unterschiedliche Richtungen verlaufende Linien auf, wie zum Beispiel bei einer architektonischen Szenerie, dann ist es empfehlenswert, wenigstens die dominantesten Linien in die Bildecken laufen zu lassen, um die Dynamik, die mit den Linien einhergeht, zu erden. Bilder mit sehr vielen kleinteiligen Linien, die in alle möglichen Richtungen führen, wirken eher unaufgeräumt, wirr und chaotisch, aber auch organisch und natürlich. Der Betrachter ist dann gezwungen, sich seinen eigenen Blick-Weg durch den Dschungel des Fotos zu bahnen.

Flächen

Prinzipiell entstehen Flächen immer dann, wenn Bereiche im Bild gleichartig beschaffen sind – in ihrer Farbe oder Struktur. Je nachdem, welche Form dieser Bereich hat, wird er entweder inhaltlich eingeordnet, also als ein bestimmter Gegenstand erkannt, oder wirkt auf abstrakter Ebene. Ist Letzteres der Fall, so wirken organische Formen weniger dominant auf den Betrachter, sondern fügen sich häufig natürlich in das Bild ein, ohne wirklich als Formfläche wahrgenommen zu werden – im Gegensatz zu geometrischen Formen. Denn diese haben die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit des Betrachters ganz besonders stark anzuziehen, weshalb eine (noch so kleine) geometrische Form in der Lage ist, ein Bild nachhaltig zu stören, wenn es sich dabei nicht um das Hauptmotiv selbst handelt. Der Mensch achtet auf geometrische Formen, weil sie in der Natur selten bis gar nicht vorkommen und deswegen ein Zeichen von anderen Menschen, also ein Symbol der Kommunikation sind. Darüber hinaus transportieren unterschiedliche Formen auch unterschiedliche Wirkungen:

  • Der Kreis als auffälligste Form wirkt geschlossen und stabil. In der unteren Bildhälfte wirkt er schwer, in der oberen hingegen leichter. Kreise als Vollflächen „durchlöchern“ ein Bild und saugen den Blick des Betrachters in ihr Zentrum. Es gibt keine andere Form und kaum ein anderes Bildgestaltungsmittel, welche stärker die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Um seine Dominanz zu reduzieren, empfiehlt sich in den allermeisten Fällen der Verzicht auf eine vollständige Abbildung und ein gezielter Anschnitt, da die Form als solche auch dann noch kreisförmig wahrgenommen wird, wenn er nur teilweise zu sehen ist.
  • Dreiecksformen wirken auf der Spitze stehend sehr instabil, auf der Fläche liegend stabiler. Gleichzeitig weisen Dreiecke immer in eine Richtung, die vergleichbar mit der Wirkung von Linien ist, also mit der Leserichtung an Geschwindigkeit gewinnt und in entgegengesetzter Richtung als eine ungewohnte Gegenbewegung wahrgenommen wird.
  • Rechtecke sind – gerade ausgerichtet – ein sehr vertrauter Anblick und erregen kaum besondere Aufmerksamkeit. Gedrehte Rautenformen wirken hingegen dynamischer und ziehen den Blick des Betrachters stärker an.
  • Quadrate sind im Gegensatz zu Rechtecken eher selten und aufgrund auffällig im Bild.
  • Kreuze wirken in einem Bild wie Markierungen, die den Blick an einen ganz bestimmten Punkt bringen. In der Nähe dieses Punktes sollten Sie deswegen also ein wichtiges oder spannendes Bilddetail platzieren.
  • Sterne bringen Bewegung ins Bild, da der Blick immer wieder zwischen dem Zentrum und den Zacken hin- und herwandert.
  • Symbolformen wie zum Beispiel Herzen, Verkehrsschilder, bekannte Logos, Buchstaben oder Zahlen erregen ganz besonders viel Aufmerksamkeit, da sie unmittelbar der Kommunikation dienen und wir ihren Sinn regelrecht von klein auf erlernen. Und nichts ist wichtiger für das soziale Wesen Mensch, als die Interaktion mit anderen Menschen, als die Nachrichten, die für uns hinterlassen werden. So gesehen wird die enorme optische Dominanz von Symbolen im Bild verständlich.

Flächen und Formen gezielt einsetzen

Je mehr und je auffälligere Formen Sie in ein Bild bringen oder innerhalb eines Bildes kombinieren, desto schneller bekommt die gesamte Aufnahme eine flächige, grafische, vielleicht sogar abstrakte Wirkung, die zwar durchaus faszinieren kann, aber selten das Potenzial hat, einen Betrachter lange zu fesseln. Achten Sie also darauf, zusätzlich genügend (spannende) Bildinformation und Details zu bieten, um ihn über die Bildgrafik hinaus zu beschäftigen. Achten Sie also darauf, den Flächen etwas entgegenzusetzen, um den Betrachter nicht zu langweilen. Das können zum Beispiel kleine, detailreiche Bildpunkte sein, die einen interessanten Kontrast zu großen Flächen bilden.

Ist Ihr Bildziel ein anderes, müssen Sie es sich sehr oft zur Aufgabe machen, gerade geometrische Formen gezielt zu reduzieren oder gar vollständig auszublenden, damit diese nicht alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen und vom eigentlichen Hauptmotiv ablenken. Starke Anschnitte sind oft die beste Wahl, um eine Form zwar zu zeigen, aber in ihrer Dominanz wesentlich zu reduzieren.

Insgesamt gilt also, dass Sie mit der Linienführung ganz massiv beeinflussen, wie ruhig und ausgeglichen oder unangenehm wirr Ihr Bild empfunden wird. Und mit den Flächen und Formen bestimmen Sie, wie klar, aufgeräumt und erkennbar Ihre Motive wirken. Wenn ein Foto als nicht gelungen empfunden wird, hat das sehr oft mit einer unbedacht gewählten und nicht zum Motiv passenden Bildgrafik zu tun. Durch den gezielten Einsatz von Linien, Flächen und Formen haben Sie einen direkten Einfluss auf die Qualität Ihrer Bilder. cb/gb