Kaum ein anderes fotografisches Genre hat einen so faszinierenden und aufregenden Klang wie die Reportagefotografie. Mit etwas Fantasie und einem wachen Auge können Sie in Ihrer Umgebung spannende Themen finden und in packende Bilder umsetzen…

Reportagefotografie

Beim Begriff Reportagefotografie denkt man unwillkürlich an die großen Zeitungen und Zeitschriften, die ein Gespann aus Reporter und Fotograf in ein fernes Land schicken, um ein Thema ein oder zwei Wochen gründlich zu recherchieren und zu bebildern. Leider ist dies eine romantische Vorstellung aus längst vergangenen Zeiten. Außer sehr großen Magazinen wie zum Beispiel National Geographic kann sich in der heutigen Zeit kaum ein Blatt so etwas mehr leisten. Stattdessen regieren auch in diesem Bereich vor allem Zeit- und Kostendruck, weswegen Fotoreporter kaum noch fest angestellt werden, sondern vor allem auf freiberuflicher Basis arbeiten.

Gewerbliche Reportagefotografie

Als gewerblicher Reportagefotograf muss man sich entweder auf die tagesaktuelle Berichterstattung spezialisieren. Dann geht es darum, möglichst schnell möglichst hochwertiges Bildmaterial in Form von Einzelbildern zu einem bestimmten Event bei einer Bildagentur oder einer Redaktion abzuliefern. Bei der letzten Papstwahl war dies an den Livetickern der Online-Nachrichtenseiten gut zu beobachten. Bereits vier Minuten nachdem der neugewählte Papst auf den Balkon getreten war, waren auch schon Bilder davon zu sehen. Dazwischen lagen die folgenden Schritte: Der Fotograf macht die Fotos, die per WLAN auf einen Laptop und von dort mittels Handykarte auf den Server der Bild- bzw. Nachrichtenagentur hochgeladen werden.

Ein Redakteur wählt die besten Aufnahmen aus, lässt gegebenenfalls eine Standardbearbeitung darüberlaufen und wählt den idealen Bildausschnitt, verschlagwortet sie, schreibt einen Begleittext und pflegt die Bilder in das eigene System ein. Dann wird das Agenturmaterial den Nachrichtenredaktionen zur Verfügung gestellt, die das Bild auswählen, kaufen und in das eigene System übernehmen, es gegebenenfalls noch etwas anpassen und veröffentlichen. Auch wenn viele dieser Schritte schon automatisiert sind, sind vier Minuten dafür eine extrem kurze Zeit.

Gewerbliche Reportagefotografie

Der Fotograf wird so zum reinen Bildlieferanten, zumal bei großen Events immer mehrere Fotografen vor Ort sind, die oft auch vom gleichen Ort aus und im selben Moment auslösen – also nahezu identische Bilder machen. Dann zählt nur noch die Schnelligkeit, mit der ein Bild beim Kunden verfügbar ist. Alternativ dazu kann man sich natürlich auch auf richtige Fotoreportagen spezialisieren, bei denen ein komplexeres Thema mit einer zusammenhängenden Serie von Bildern vorgestellt und beschrieben wird. Immer weniger Print- oder Online-Redaktionen lassen gezielt zu einem ausgewählten Thema Bilder produzieren. Stattdessen übernehmen immer mehr Fotografen auch diese Aufgabe und suchen die Themen selbst aus. Dann bieten Sie dies entweder verschiedenen Redaktionen an und hoffen auf eine Finanzierung oder gehen selbst in Vorkasse und produzieren die Bildstrecke, um sie anschließend als fertiges Werk anzubieten.

Private Reportagefotografie

Im aktuellen Tagesgeschehen kann man als Hobbyfotograf natürlich nicht mithalten, da hilft es nur, sich auf kleinere, weniger wichtige Veranstaltungen oder bestimmte Aspekte am Rand der großen Events zu spezialisieren – sofern man dazu überhaupt eine Akkreditierung erhält. Im Bereich der zufälligen und ungeplanten Reportage sowie für Paparazzibilder allerdings setzen immer mehr Zeitschriften und Zeitungen auch auf die (Handy-)Fotos von Passanten.

Ganz anders sieht es hingegen bei den großen Themen und den längeren Fotoreportagen aus. Hier kann man – auch ohne dies hauptberuflich zu machen – anderen mit einer Bilderstrecke etwas nahebringen. Wichtig dafür ist vor allem anderen die Wahl eines interessanten Themas.

Ziel einer Reportage

Das erklärte Ziel einer jeden Fotoreportage ist es, einer bestimmten Zielgruppe oder einer möglichst großen, undefinierten Menge an Menschen ein ganz bestimmtes Thema nahezubringen. Anders ausgedrückt geht es darum, die Aufmerksamkeitder Betrachter zu erregen und auf das Thema zu lenken, ihnen das Thema von verschiedenen Seiten zu präsentieren und es ihnen so zu ermöglichen, sich eine eigene Meinung dazu zu bilden. Dies geschieht in einer Serie von zueinander gehörenden und einander ergänzenden Bildern, die mehrere Aspekte eines übergeordneten Themas zeigen. Dabei sollten möglichst mehrere verschiedene inhaltliche Blickwinkel auf das Thema aufgezeigt werden.

Ziel einer Reportage

Anders als bei den meisten anderen fotografischen Genres geht es bei der Reportage auch darum, die eigene Meinung des Fotografen möglichst stark hintenanzustellen und sich um ein Höchstmaß an Objektivität, Seriosität und Glaubwürdigkeitzu bemühen. Insbesondere die Forderung nach objektiven Bildern ist in einem so subjektiven Medium wie der Fotografie natürlich nur ansatzweise, nicht aber vollständig erfüllbar. Dennoch sollten Sie auf einige gestalterische Mittel der subjektiven Fotografie sowie auf starke und sichtbare Nachbearbeitung der Bilder verzichten, weil dies alles denZielen einer Reportage abträglich wäre.

Themen finden

Wenn es um ein geeignetes Thema für eine Fotoreportage geht, sollten Sie sich vor allem in Ihrem unmittelbaren Umfeld umsehen. Denn eine gute Reportage braucht vor allem eine sehr starke Vertrautheit mit der Materie, mit den Orten, mit den Menschen und den Zusammenhängen. Dieses Wissen entsteht nur durch eine intensive Beschäftigung mit einem Thema über eine längere Zeit.

Es ermöglicht dem Fotografen, bereits vor einem Fototermin zu wissen, welche Aspekte fotografisch interessant sind, wann sich wo fotogene Situationen ergeben und worauf manauch technisch gesehen zu achten hat. Außerdem wird man als Fotograf nicht als so störend empfunden, wenn man die Menschen vor Ort kennt und sich schon in die Umgebung eingepassthat.

Also sollten Ihre ersten Fragen bei der Suche nach einem Thema sein: Worin kennen Sie sich gut aus? Was kennen Sie besser als andere? überprüfen Sie, ob vielleicht Ihr Arbeitsplatz, die Gegend, in der Sie leben, Ihr Hobby, Ihr Sport oder Ihr Verein nicht eine spannende Fotoreportage wert ist. Welche Themen aus Ihrem persönlichen Umfeld könnten auch andere Menschen interessieren? Einige großartige Fotoreportagen entstanden, weil der Fotograf einen Menschen mit einer bestimmten Krankheit oder Behinderung in seiner Familie oder seinem Freundeskreis hatte und diese Schicksale anderennahebringen wollte. Es können aber auch Menschen mit einer besonderen Begabung, einem bestimmten Glauben oder irgendeiner anderen Gemeinsamkeit sein, die Sie vorstellen. Es müssen aber nicht immer nur die großen Themen sein, für die sich eine Fotoreportage lohnt.

Auch viele kleine Orte oder Besonderheiten eignen sich großartig dafür, sie anderen Menschen mit eindringlichen Bildern näherzubringen. Und gerade an diesen eher kleinen Themen das eigene Viertel, eine bestimmte Veranstaltung, der Jahresverlauf in Wald und Feldern, der eigene Urlaub – sind hervorragende übungsthemen, wenn Sie neu in die Fotoreportage einsteigen. Eine letzte Frage sollten Sie sich jedoch auch noch stellen: Was würden Sie gerne einmal sehen und näher kennenlernen? Denn die Fotografie ist ein wunderbares Medium, die eigene Neugierde zu befriedigen. Wenn Sie sich ernsthaft für ein bestimmtes Thema interessieren und damit verantwortungsvoll umgehen, öffnet allein dieses Interesse und die Bereitschaft, Bilder davon zu machen sehr oft jede Menge ansonsten dicht geschlossener Türen. Oder anders ausgedrückt: Ohne Neugierde und ehrliches Interesse an dem jeweiligen Thema kann eine bewegende Reportage kaum entstehen, da sich genau diese Begeisterung über die Bilder auch auf den Betrachter überträgt.

 Fotoreportage

Überprüfen Sie Ihr Thema kritisch: Trägt es eine ganze Bildstrecke? Wie viele Bilder könnte es tragen? Ist es interessant? Für wen? Reden Sie mit Freunden darüber.

Diese Vorbereitungen helfen Ihnen dabei, auch andere Menschen von Ihrer Idee zu überzeugen, und das werden Sie immer wieder nötig haben. Sei es, wenn Sie fremde Menschen fotografieren, Zugang zu verschlossenen Orten erreichen oder einen besonderen Platz für die Ausstellung der Ergebnisse akquirieren wollen. Gehen Sie deswegen in Gedanken solche Gespräche vorher durch und überlegen Sie, welche Bedenken Ihr Gegenüber alles äußern könnte, und wie Sie ihn dennoch davon überzeugen können, Sie bei Ihrem Projekt zu unterstützen, obwohl das für ihn einen Mehraufwand bedeutet. Besonders wichtig sind dafür Probefotos von ähnlichen Motiven, die fremden Personen schnell und einfach zeigen, was Sie vorhaben – und für Sie selbst eine gute Form der Vorbereitung darstellen.

Was eine Bildstrecke braucht

Um eine abwechslungsreiche Bildstrecke zu gestalten, sind einige bestimmte Arten von Bildern nahezu immer nötig. Natürlich variieren der Anteil und die Anzahl der Bilder innerhalb einer Reportage je nach Thema und manche Bilder deckenauch gleich mehrere dieser Punkte ab. Ganz ohne diese Funktionen kommen Sie bei einer Reportage jedoch kaum je aus.

Zum einen brauchen Sie einen klar strukturierten und leicht erkennbaren Aufmacher, der die Aufmerksamkeit der Betrachter erregt. Dieser sollte inhaltlich die wichtigsten Aspekte zusammenfassen, gleichzeitig aber auch neugierig auf mehr machen. Im Idealfall verfügt das Bild über viel ruhige Fläche, um Schrift darauf platzieren zu können.

Weiter ist eine übersicht nötig, die dem Betrachter die verschiedenen Akteure, den Ort und deren Beziehungen zueinander aufzeigt. Dazu gehören Entfernungen genauso wie die Richtungen der einzelnen Elemente. Mit solchenBildern verschafft sich der Betrachter einen überblick, der ihm dabei hilft, die weiteren Fotos inhaltlich passend einzuordnen.

Auf jeden Fall müssen einige wichtige Akteure des Themas vorgestellt werden. Diese müssen jedoch nicht unbedingt Menschen, sondern können auch durchaus Tiere, Pflanzen oder Gegenstände sein. Natürlich können nie alle wichtigen Elemente zeigen, weswegen Sie sich auf die typischen und für das Thema repräsentativen konzentrieren sollten. Aber auch ein oder zwei besondere, herausstechende Akteure abseits des Gewohnten und Erwarteten lockern die Geschichte auf.

Ferner geht es natürlich um die Aktion selbst, also darum, was bei dem Thema geschieht. Das können Bewegungen, Emotionen als Ausdruck eines inneren Vorgangs, langsame oder schnelle Veränderungen sein. Auf jeden Fall zeigen sie auf, dass das Thema lebendig ist.

Damit der Betrachter auch weiß, wo sich das Ganze abspielt, ist eine Verortung nötig. Diese kann unterschiedlich konkret ausfallen, je nachdem, wie wichtig sie für das Thema ist. Wenn es keine charakteristischen Landmarken oder klar erkennbaren Bauten oder Gegenstände gibt, können Sie sich auch mit der Einbeziehung von entsprechenden Schriftzügen in ein Bild helfen.

Um dem Betrachter etwas Ruhe und inhaltliche Tiefe zu vermitteln, sollten Sie auch ein paar Details nicht vergessen. Damit nehmen Sie ihn aus dem Gesamtbild heraus und führen ihn nah an ein wichtiges, gleichermaßen repräsentatives wie ausdrucksstarkes Element heran. Außerdem schaffen Sie so mehr Abwechslung innerhalb der gesamten Bildreihe.

Nicht zuletzt brauchen Sie auch mehrere Bilder, die vor allem anderen die von Ihnen gewünschten und mit dem Thema verbundenen Emotionen wecken. Denn über solche Fotos erreichen Sie Ihre Betrachter am stärksten und schaffen eine starke Nähe zum Thema und Betroffenheit.

Bilder im Kontext

Composing

Grundsätzlich sollten Bilder auch ohne eine weiterführende Erklärung wirken – das gilt für alle Fotos, auch bei der Reportage. Da Fotos jedoch nichts Abstraktes und keine Negation darstellen können, ergibt sich hier eine Besonderheit: Damit Reportagefotos verstanden werden können, braucht es den Text als Unterstützung und Erläuterung. Das kann als Fließtext, als Bildunterschrift oder als Titel geschehen, aber ohne dieses Mehr an Informationen sind viele Zusammenhänge nicht abbild- und erkennbar. Deswegen müssen Sie bei einer Fotoreportage immer auch die ergänzenden Texte mit berücksichtigen.

Technik

Wie bei jedem anderen fotografischen Genre auch, gibt es natürlich bestimmte technische Funktionen Ihrer Ausrüstung, auf die Sie bei der Reportagefotografie besonderen Wert legen sollten. Alles, was Ihnen hilft, beim Fotografieren nicht aufzufallen, hilft Ihnen dabei, die Situation unbemerkt, ohne Störung und damit authentisch einzufangen. Denn als sichtoder hörbarer Fotograf verändern Sie jede Aufnahmesituation – auf jeden Fall. Vorneweg sind es die Objektive, mit denen Sie steuern, ob Ihre Bilder als glaubwürdig oder als unstimmig empfunden werden. Der Bildwinkel des 50mm-Objektivs im Vollformat entspricht in etwa dem Gesichtsfeld des Menschen, weswegen wir damit fotografierte Bilder als richtig, wahr und glaubwürdig ansehen.

Das 50er ist deswegen das klassische Reportageobjektiv. Darüber hinaus werden auch leichte Weitwinkel und leichte Teleobjektive – also 35 bis 105mm im Vollformat – als nicht allzu verzerrend und damit noch realistischempfunden. Noch extremere Brennweiten führen jedoch zu einer stark subjektiven Verzerrung, die dem neutralen und glaubwürdigen Ziel der Reportage zuwiderläuft.

Mit lichtstarken Festbrennweiten können Sie zwar auch bei schlechten Lichtsituationen noch fotografieren, ohne den auffälligen Blitz einsetzen zu müssen. Dafür sind Sie bei der Veränderung des Bildausschnitts deutlich langsamer. Deswegen empfehlen sich für Reportagen lichtstarke Standard-Zoomobjektive in Kombination mit einem neuen und wenig rauschanfälligen Sensor in der Kamera. Bei der Kamera achten Sie vor allem auf zwei Dinge: zum einen sollte die Kamera klein, zum anderen leise sein, damit das Fotografieren nicht allzu stark auffällt. Systemkameras sind da deutlich kompakter und unauffälliger als DSLR-Kameras. Ein klappbarer Monitor erleichtert Ihnen das gezielte Fotografieren aus der Hüfte, ohne dass jeder sofort bemerkt, dass Sie fotografieren. Und da es in der Reportage oft genug sehr schnell gehen muss, machen Sie sich unbedingt mit den verschiedenen Automatiken Ihrer Kamera vertraut – ganz besonders in den Autofokus-Funktionen. Denn ein im Eifer des Gefechts falsch fokussiertes Bild ärgert einen hinterher doppelt.

Mit einer solchen Ausrüstung gewappnet, können Sie sich eigentlich gleich an das nächste Thema machen und sich überlegen, wie Sie dieses mit packenden und emotional starken Bildern beschreiben und den Betrachtern nahebringen können.