Bilder richtig schneiden

Im Sucher Ihrer Kamera gestalten Sie Ihre Bilder und wählen dabei vor allem einen Ausschnitt aus der Realität, den Sie dem Betrachter zeigen. Diesen Schnitt nicht dem Zufall zu überlassen, ist eines der Kernstücke der Bildgestaltung.

Schnitt & Ausschnitt

Den für Ihr Motiv richtigen Ausschnitt zu wählen, beinhaltet im Grunde genommen zwei sehr unterschiedliche Aspekte: Erstens die Wahl der Bildelemente, die im Bild zu sehen sein sollen, und das gleichzeitige Weglassen oder Ausblenden störender, ablenkender sowie überflüssiger Elemente. Zweitens ist der Schnitt jedoch auch ein sehr interessantes Gestaltungsmittel, um einzelne Bildelemente zu gewichten, die Aufmerksamkeit des Betrachters zu lenken und den Bildinhalt möglichst eindeutig und entschieden zu präsentieren. Letzteres fällt unter den Begriff des Anschnittes, sobald Sie das Hauptmotiv nicht zwangsläufig vollständig, sondern teilweise und in seiner Dominanz reduziert zeigen.

Weniger ist mehr

Wie wichtig die Wahl des Bildausschnittes für die Wirkung eines Bildes ist, wird schnell klar, wenn Sie eine Aufnahme betrachten, die in erster Linie eines ist: ein großes Durcheinander. Nicht selten entstehen Bilder beziehungsweise bekommt man Bilder zu sehen, bei denen sich der Fotograf einfach nicht entscheiden konnte – nicht für ein Motiv, nicht für eine Aussage, nicht für eine Geschichte. Stattdessen versucht er – häufig unbewusst – alles auf einmal zu zeigen, was ihm an der Szene gefallen hat. Für ihn ist dabei alles gleichermaßen wichtig, und er bedenkt nicht, dass er die einzelnen Motivteile in Ruhe nacheinander wahrgenommen hat, und er durch ein zusammenfassendes Foto dem Betrachter diese Chance nicht gibt. Stattdessen zeigt er ihm eine unentschlossene Motivkombination, bei der der Betrachter nicht weiß, was er zuerst ansehen soll.

Weniger ist mehr

Ein Foto funktioniert nämlich so, dass alle abgebildeten Elemente gleichzeitig um die Aufmerksamkeit des Betrachters konkurrieren. Eine große Anzahl an Bildelementen führt da schnell zu einer chaotischen Wirkung, während wenige einzelne von ganz allein eine wichtige und gewichtige Rolle bekommen. In der Regel ist weniger also mehr und das bedeutet ganz konkret: Nehmen Sie sich die Zeit, eine Szene in Ruhe zu betrachten und einzelne Motive als bedeutungsvoll herauszulösen. Entscheiden Sie sich bei jedem einzelnen Bild auch für ein einzelnes Hauptmotiv, das Sie natürlich in seinem jeweiligen Kontext zeigen können, das aber eben eindeutig als bildwichtig hervorgehoben wird. Und beschreiben Sie die Situation lieber mit mehreren einzelnen, dafür aber ausdrucksstarken Bildern als mit einem einzelnen Bild, bei dem Sie alles auf einmal abbilden.

Aus der Realität das Motiv oder den Moment herauszulösen, um den es wirklich geht, ist die Kunst des Fotografierens und bedeutet stark vereinfacht: Konzentration auf das Wesentliche und Weglassen von allem Unwichtigen!

Alles ist wichtig?!

Da jedes Foto nur einen begrenzten Rahmen an Platz aufweist, geht der Betrachter unwillkürlich davon aus, dass alles, was Sie mit ins Foto nehmen, auch wichtig ist. Ob die Auswahl der Bildelemente, die mit auf das Bild kommen nun gewollt oder ungewollt geschieht: Der Betrachter sieht nur das, was Sie ihm zeigen.

Im Idealfall sollte dem Foto eine ganz bewusste und gezielte Entscheidung vorausgehen: Was wollen Sie zeigen, was ist Ihr Thema, was unterstreicht die Bildaussage? Und was wollen Sie umgekehrt gar nicht zeigen, was stört oder verändert Ihre Aussage und was lenkt unnötig ab? Wenn Sie beispielsweise einen Menschen fotografieren, müssen Sie sich entscheiden: Zeigen Sie nur sein Gesicht oder darf auch der Oberkörper samt Kleidung mit auf das Bild? Im ersten Fall geht es um die individuelle Persönlichkeit, im zweiten Fall spielt auch die soziale Komponente, die durch die Kleidung ausgedrückt wird, eine Rolle. Oder wollen Sie den Menschen vollständig abbilden – alleine, zusammen mit anderen Personen oder in einer ganz bestimmten Umgebung? Sofort verändert sich die Aussage Ihres Bildes, je nach Kleidung, Körper, Haltung und allem, was sonst noch auf dem Bild zu sehen ist. Jedes zusätzliche Detail erweitert und verändert die Geschichte Ihres Bildes.

Aber nicht nur das, was Sie zeigen, sondern auch das, was Sie nicht zeigen, ist wichtig für das Bild. Lassen Sie viel weg, um die Aufnahme klarer zu gestalten, so erleichtern Sie dem Betrachter das Verstehen und konzentrieren seinen Blick auf das Wesentliche. Lassen Sie jedoch zu viel weg, kann die Aufnahme auch unverständlich, unklar und damit uninteressant werden.

überprüfen Sie jedes einzelne Motivelement: Gehört es inhaltlich dazu? Muss es ins Bild, um die Aussage verständlich zu machen? Kann es auch weggelassen werden? Je genauer und konkreter Sie selbst wissen, was Sie eigentlich fotografieren wollen, desto einfacher wird Ihnen diese Auswahl fallen.

Alles ist subjektiv!

Haben Sie sich für die Motivteile entschieden, die mit ins Bild kommen sollen, setzen Sie diese zwangsläufig zueinander in Beziehung. Dies kann auf eine altbekannte und „normale“ Art und Weise geschehen oder zu einem ungewohnten, ungewöhnlichen und damit besonders herausragenden Ergebnis führen. Unabhängig davon fällt sie auf jeden Fall subjektiv und manipulierend aus, da Sie mit dem Foto Beziehungen gestalten und sichtbar machen, die ein anderer vielleicht nie so wahrgenommen hätte. Wenn Sie auf der Straße einen Punker und einen Banker zusammen auf einem Bild einfangen, schaffen Sie damit eine dauerhafte und direkte Beziehung zwischen den beiden, obwohl sie sich in der Realität nicht einmal gesehen haben müssen.

Alles ist subjektiv!

Und nicht nur die Auswahl der Bildelemente, sondern auch das Weglassen anderer macht den Bildausschnitt zu einem Mittel der Manipulation, um den Betrachter (gezielt) zu täuschen. So können Sie ein Motiv entweder inmitten seines wahren Kontextes zeigen oder diesen lediglich andeuten oder ihn sogar komplett ausblenden und damit der Fantasie des Betrachters überlassen. Dabei muss gar keine böse oder manipulative Absicht dahinterstecken. Aber schon wenn Sie für ein Porträt in einer grundsätzlich sehr unruhigen Kulisse eine kleine ruhige Fläche als Hintergrund wählen, verändern Sie die Aussage und Wirkung des Bildes.
Wenn Sie einen inhaltlichen Aspekt des Bildes nicht wirklich zeigen, sondern nur andeuten wollen, bedienen Sie sich am einfachsten des Anschnittes als Mittel der Bildgestaltung. Ein Element nicht vollständig zu zeigen, ist hier sehr wirkungsvoll, da ein Teil des Ganzen zwangsläufig der Fantasie des Betrachters überlassen wird.

Wirkung

Mit der Wahl des Bildausschnittes beeinflussen Sie als Fotograf die motivunabhängige Wirkung Ihres Bildes enorm. Prinzipiell wirkt ein Bild umso unmittelbarer, konkreter und detaillierter, je kleiner Sie den Abstand zwischen Motiv und Kamera gestalten. Mit größer werdender Entfernung wird die Wirkung hingegen distanzierter, übersichtlicher und weniger vertraut. Je mehr Umgebung erkennbar ist, desto leichter kann der Betrachter das Motiv inhaltlich verorten, während wenig oder gar kein Kontext für das Hauptmotiv dazu führt, dass es allgemeingültiger wahrgenommen wird – bis hin zu einer völligen Abstraktion und künstlerischen Verfremdung. Gerade Letzteres wird schnell zu einem Drahtseilakt zwischen spannendem Bilderrätsel, das die Neugierde des Betrachters weckt, und so starker Abstraktion, die Langeweile und keine Auseinandersetzung mit dem Bild zur Folge hat.

Hauptmotiv anschneiden

Ein vollständig abgebildetes Bildelement erhält ganz automatisch deutlich mehr Aufmerksamkeit als ein nur teilweise abgebildetes, angeschnittenes. Deswegen wird es auch meist als Hauptelement im Bild angesehen.

Wenn wir von einem Anschnitt sprechen, so bezieht sich dieser auf das Hauptmotiv, also das bildwichtigste Element, das in einem solchen Fall unvollständig gezeigt wird. Dies führt häufig zu Irritation, bei starken Anschnitten sogar zu offener Ablehnung beim Betrachter, dessen sollten Sie sich bewusst sein. Denn ob bewusst oder unbewusst – der Betrachter erwartet ein vollständiges Hauptmotiv. Wird diese Erwartung enttäuscht und der eigentlich bildwichtigste Motivteil nicht komplett gezeigt, erregen Sie mit dem Bild eine Menge Aufmerksamkeit, indem Sie die Fantasie des Betrachters anregen. Er weiß nämlich, dass das Motiv in Wahrheit vollständig ist und erweitert es in seiner Vorstellung über die Bildgrenzen hinaus. Dabei setzt er Linien, Muster und Strukturen bis ins Unendliche fort, ohne ihr Aussehen zu verändern.

Je nach Form und Aussehen des angeschnittenen Elementes sowie dessen Position auf der Bildfläche wird dem Betrachter die Vervollständigung der angeschnittenen Motivteile schwerer oder leichter fallen. Doch ganz unabhängig davon wirkt ein angeschnittenes Motiv näher, der Betrachter fühlt sich näher am Geschehen oder sogar mittendrin. Dadurch kann ein Anschnitt das Aufmerksamkeitspotenzial eines Bildes auch merklich steigern.

Motive gewichten

Während die vollständige Abbildung also eine Möglichkeit ist, ein Bildelement hervorzuheben, so reduziert der Anschnitt es und lässt etwas anderes in den Vordergrund treten, das ansonsten vielleicht nie dieselbe Wichtigkeit im Bild einnehmen hätte können. Wenn Sie bei einem Porträt die Haare – und sei es nur ein wenig – anschneiden, wird die Frisur etwas unwichtiger in der Gesamtwirkung, während das Gesicht in gleichem Maße an optischem Gewicht gewinnt. Das funktioniert natürlich auch bei jedem anderen Motiv. Je stärker Sie das Hauptmotiv anschneiden, desto stärker tritt dieser Effekt zutage bis hin zu einer so deutlichen Herabsetzung, dass das Motiv nahezu irrelevant für die Bildaussage werden kann. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass minimale Anschnitte häufig nur unterhalb der bewussten Wahrnehmungsgrenze wirken. Ein leichter Anschnitt hat damit weniger die Aufgabe, ein Motiv optisch zu reduzieren als es vielmehr am Bildrand zu fixieren und ihm optischen Halt zu geben. Gerade bei gleichmäßigen Hintergründen wird so eine losgelöste Wirkung verhindert.

Motive gewichten

Gleichzeitig wird ein sehr einheitlicher Hintergrund durch einen solchen Anschnitt in seiner Dominanz reduziert, da er in mehrere Teile zerfällt. Dadurch wirkt der Hintergrund nicht mehr als eine große, sondern als mehrere kleine Flächen. Der Anschnitt selbst muss für diesen Effekt nicht stark ausfallen, selbst eine minimale Berührung des Bildrandes ist bereits ausreichend. Und sobald Sie das Motiv an mehreren Stellen anschneiden, wird der Hintergrund immer weniger stark wahrgenommen.

Nähe erzeugen

Darüber hinaus ist der Anschnitt ein wirkungsstarkes Instrument, um den Betrachter nah an das Motiv heranzubringen und eine geradezu intime Atmosphäre zu schaffen. Je stärker ein Motiv angeschnitten ist, desto kleiner wird der Abstand zwischen Motiv und Betrachter – und das in erster Linie auf emotionaler Ebene: Der Betrachter bekommt das Gefühl vermittelt, sich dem Motiv nicht entziehen zu können, sondern sich auseinandersetzen zu müssen.

Das gilt grundsätzlich für jeden fotografischen Bereich, wird aber in der Porträtfotografie besonders deutlich, wenn der soziale Abstand zwischen Personen nicht mehr eingehalten sondern unterschritten wird. Dieser Abstand beträgt pauschal mindestens eine Armlänge (Kopf und Teil des Oberkörpers sind vollständig zu sehen) und darf nur von den Menschen gerne unterschritten werden (Gesicht ist so nah, dass es nicht vollständig zu sehen ist), die einem vertraut sind.

Als Fotograf haben Sie so die Möglichkeit, durch den Anschnitt des Kopfes genau diese Vertrautheit künstlich zu erzeugen, die Entfernung zur Person optisch zu verringern und dadurch den Betrachter in die Nähe der abgebildeten Person zu zwingen. Das Ergebnis ist ein Bild, das entweder große Faszination auslöst, da die Nähe beinahe spürbar wird, oder eine Art innere Ablehnung und den Versuch, von sich aus Distanz aufbauen zu wollen – je nachdem, wie sympathisch einem der fotografierte Mensch ist. In jedem Fall wird der Betrachter aber deutlich stärker angesprochen und setzt sich mit ihm auseinander.

Bleiben Sie in Bewegung

Auch wenn Anschnitte im Prinzip auch innerhalb eines Bildes durch überlappungen entstehen, so ist der Schnitt durch den Bildrand noch einmal wesentlich stärker in seiner Wirkung. Um ein Motiv nun durch den Bildrand anzuschneiden und um überhaupt den bestmöglichen Bildausschnitt für ein Motiv zu finden, gibt es zwei Einflussgrößen: erstens die eingesetzte Brennweite und der in Kombination mit der Kamera entstehende Bildwinkel sowie zweitens der Standort der Kamera. Letzterer ist noch einmal wesentlich wichtiger für eine gezielte Wahl des Bildausschnittes, da Sie durch Ihre Position und Ihre Perspektive zum Motiv ganz bewusst dafür sorgen können, dass bestimmte Bildelemente im Bild zu sehen sind und zueinander in Beziehung treten.

Den idealen Standort finden Sie einzig und allein durch Ausprobieren, das heißt dadurch, dass Sie in Bewegung bleiben, etwas nach rechts oder links gehen, das Motiv umrunden, in die Hocke gehen, hochsteigen, weiter weg oder näher herangehen. Schon minimale Veränderungen Ihrer Position können das Bild komplett anders aussehen lassen. Und das gilt nicht je Motiv, sondern je Bild, also bleiben Sie auch zwischen den einzelnen Aufnahmen beweglich, und wählen Sie für jedes neue Bild auch den Bildausschnitt ganz gezielt.

Arbeiten Sie gerne mit Stativ, weil es Ihr fotografisches Thema vielleicht erfordert oder Sie es einfach mögen, so sollten Sie sich die Unbeweglichkeit dieser Technik bewusst machen. Ein schnelles Einnehmen neuer Kamerastandpunkte ist nicht möglich, weshalb Sie dies vielleicht im Voraus machen sollten: Wählen Sie mit der Kamera in der Hand in Ruhe den richtigen Standpunkt und installieren Sie erst im Anschluss daran das Stativ entsprechend, um beispielsweise mit langen Belichtungszeiten arbeiten zu können.

Den Ausschnitt gezielt auswählen

Den Ausschnitt gezielt auswählen

Egal, ob Aus- oder Anschnitt – damit Sie Ihr Bild möglichst gezielt gestalten können, bieten Ihnen die verschiedenen Kameras unterschiedliche Methoden an. Bei Spiegelreflexkameras sehen Sie durch das Objektiv und können so den Ausschnitt festlegen. Allerdings zeigen die meisten DSLRKameras nicht das vollständige Bild, sondern nur zwischen 92 und 98 Prozent davon. Der Nachteil dieser Sucher ist, dass auf dem Bild dann immer ungewollte Bildelemente am Rand auftauchen, die Ihrem Foto eine unruhige Note verleihen können. Lediglich in der Premiumklasse werden 100%-Sucher verwendet, da diese vergleichsweise teuer zu konstruieren sind.

Anders ist dies bei den SLT-Kameras sowie bei allen Kameras mit Live-View, also auch bei System-, Kompakt- oder sogar Handykameras. Hier wird Ihnen in der Regel das vollständige Bild gezeigt, sodass Sie es ganz exakt gestalten können. Solange Sie die Kamera einfach nur vor sich halten und das Foto aus Ihrer gewohnten Perspektive machen, sind alle festen Monitore gleichermaßen gut für die Bildbeurteilung geeignet. Sobald Sie aber etwas aus einer anderen, ungewöhnlicheren Perspektive fotografieren, sind schwenk- und drehbare Monitore enorm hilfreich. Je flexibler sich der Monotor bewegen lässt, desto besser können Sie das Bild sehen und den Bildausschnitt bereits vor der Aufnahme festlegen. Natürlich können Sie auch immer noch nachträglich am Rechner einen Beschnitt Ihres Bildes vornehmen und so den Ausschnitt, nicht aber mehr die Perspektive verändern. Wenn Sie dies nach dem Fotografieren öfter und ganz bewusst machen, schulen Sie damit Ihren fotografischen Blick – um beim nächsten Mal den Ausschnitt gleich ganz exakt wählen zu können.