Stillleben

Auch wenn der Begriff sofort Assoziationen an düstere Zusammenstellungen von Lebensmitteln und Gegenständen auslöst, ist die Stilllebenfotografie ein ebenso vielseitiges und kreatives Genres wie viele andere auch.Der Begriff Stillleben erinnert sofort an die Malerei des 17. und frühen 18. Jahrhunderts. Wie so häufig wurde er in die Fotografie übertragen, um einem ganz bestimmten Genre einen Namen zu geben: Der Fotografie lebloser und regloser Gegenstände in einer gezielten und bewussten Zusammenstellung. Grundlage eines Stilllebens ist also erstens die Wahl der Motive (leblos) und zweitens das Arrangieren genau dieser Einzelmotive zu einem stimmigen Ganzen.

Malerei als Inspiration

In der Malerei sind Stillleben häufig symbolisch motiviert gewesen, das heißt, es ging darum, eine individuelle Aussage zu vermitteln, indem ganz bestimmte Gegenstände kombiniert wurden. Auch wurden je nach abgebildeten Motiven thematische Bereiche unterschieden, die eigene Subgenres der Stilllebenmalerei bildeten. Ganz besonders zu erwähnen wären hier die niederländischen Mahlzeitenstillleben, die in erster Linie zubereitete Speisen darstellten. Ebenso die Vanitasstillleben aus der Barockzeit, wo Zeichen der Vergänglichkeit ins Bild integriert wurden wie Sanduhren, Totenschädel, welke Blumen, erloschene Kerzen oder ähnliches. Außerdem die Zaffenstillleben, die Waffen integrierten, die Darstellung von usikinstrumenten (Musikstillleben) und die Kombination von Blumen, Früchten, Gläsern und Flaschen.

Moderne Stillleben

Die Bildsprache war meist düster und von dunklen Schatten geprägt, die Farben waren gedeckt und der warmen Palette aus Erdtönen entnommen. Diese eindringliche Bildsprache in die Fotografie zu übertragen ist ein Leichtes, sehen Sie sich dazu die Gemälde bekannter Maler wie beispielsweise Pieter Claesz, Michelangelo Merisi da Caravaggio, Theodhule-Augustin Ribot, Floris Gerritsz van Schooten, Michiel Simons oder Harmen Steenwijck an. Beschäftigen Sie sich mit der Stilllebenmalerei, was dank der Google-Bildersuche heutzutage ja kein Problem mehr ist, und lassen Sie sich von den faszinierenden Gemälden inspirieren. Und wenn Ihnen diese Motivwelt gefällt, versuchen Sie sich ruhig einmal selbst an einer ähnlich düsteren Zusammenstellung aus Gegenständen und Lebensmitteln.

Begeben Sie sich dafür auf die Suche nach passenden, altertümlich wirkenden Artefakten und Materialien. Flohmärkte, Antiquitätenhändler, Second-Hand-Läden und Haushaltsauflösungen sind gute Gelegenheiten, solche Dinge aufzutreiben. Auch auf Online-Plattformen wie eBay können Sie fündig werden. Achten Sie jedoch darauf, dass Sie gerade zu Anfang bei den ersten Versuchen solcher Aufnahmen nicht zu viel Geld für Accessoires ausgeben, denn alte Dinge werden schnell unter Sammlerwert gestellt und sehr teuer verkauft. Da es Ihnen ja in erster Linie um den alten Look geht, kann die Marke durchaus zur Nebensache werden. Auch könnten Sie Glück haben und im Verwandten- oder Bekanntenkreis ältere Herrschaften haben, in deren Haushalt sich so manches fotogene Stück findet, das Sie sich für ein Shooting borgen dürfen. Das spart Geld und wenn Sie am Ende eine gelungene Aufnahme an den Besitzer verschenken, haben alle Beteiligten etwas davon. Je nachdem, was Ihnen in die Hände fällt, können Sie ein Stillleben um eines oder mehrere Hauptmotive herum aufbauen. Ergänzen Sie Ihre Sammlung durch Stoffe und Materialien, die zu der vergangenen Zeit passen, sowie kurz vor dem Shooting durch Blumen und Lebensmittel.

Moderne Stillleben

Einen anderen Zugang zur Stillleben-Fotografie bekommen Sie, wenn Sie sich lediglich an die ursprüngliche Definition des Begriffs halten und leblose Gegenstände zu einem Bild arrangieren. Denn ein Stillleben muss nicht zwangsläufig die traditionelle Bildsprache früherer Malereien imitieren, sondern kann sehr gut in eine moderne, helle, gradlinige Bildsprache überführt werden.

Doch auch hier geht es im ersten Schritt vor allem darum eine stimmige Zusammenstellung aus Gegenständen und Lebensmitteln zu finden. Dies kann jedoch etwas einfacher sein, wenn diese Motive nicht wirken sollen wie aus einer längst vergangenen Zeit, sondern unserem alltäglichen, modernen Umfeld entspringen. Hier ist es dann vielmehr die Kunst, den Betrachter des späteren Bildes nicht zu langweilen, wenn die Motive zu alltäglich sind. Achten Sie also auf eine irgendwie besondere, originelle, sehr ästhetische, farblich abgestimmte oder grafisch ungewöhnliche Kombination.

Motive finden
Um stilllebengeeignete Motive zu finden, brauchen Sie nur ein wenig Aufmerksamkeit. Sehen Sie sich dazu in Ihrem eigenen Umfeld um: Gibt es da etwas, dessen Form, Farbe und Design Sie fasziniert? Finden Sie etwas Ungewöhnliches, Herausragendes, Nichtalltägliches? Gerade wenn der Gegenstand nicht allzu groß ist und nicht in jedem zweiten Haushalt vorkommt, könnten Sie damit den Ausgangspunkt für ein ansprechendes Foto gefunden haben. Natürlich liegen Blumen, Nahrungsmittel, Vasen, Eimer, Flaschen und Geschirr als Motive besonders nahe. Aber auch technische und elektronische Bauteile, Haushaltsgeräte, Spiegel, Schmuck, Spielzeug oder Schreibutensilien können durchaus spannende Stillleben ergeben. Nicht zuletzt sollten Sie auch ganz besonders auf Dinge achten, die sich gerade im Stadium des Verfalls befinden. Welkende Blumen und Blätter, vertrocknete oder sogar schimmelnde Lebensmittel sowie verwitterte Mauern und Böden üben auf viele Fotografen und Betrachter einen starken Reiz aus und verfügen über eine ganz eigene ästhetik.

Die passende Zusammenstellung
Wenn Sie Ihr Hauptmotiv haben, gehen Sie im Weiteren ruhig inhaltlich vor, überlegen Sie also, was den zentralen Gegenstand logisch zu einer ganz bestimmten Themenwelt ergänzt. überlegen Sie, was genau die Faszination des Hauptmotivs auslöst, welche anderen Gegenstände eine ähnliche ästhetik aufweisen und stilistisch und farblich dazu passen. Wenn Sie beispielsweise eine Edelstahl-Espressokanne in Szene setzen wollen, passen Kaffeebohnen,Zucker, Milch und Gebäck ebenso dazu, wie das entsprechende Geschirr.

Die passende Zusammenstellung

Allerdings müssen Sie das konkrete Aussehen der Espressokanne berücksichtigen. Wenn diese nagelneu ist und vielleicht sogar ein neues Design mit abgerundeten Ecken aufweist, sollten alle weiteren Bildelemente ebenfalls edel, modern und stylisch sein. Die Kaffeelöffel beispielsweise sollten in Stil und Material die Kanne unterstützen, aber nicht ablenken. Gekaufte Kekse passen mit ihrer immer gleichen Form dazu dann besser als selbstgebackene. Genauandersherum verhält es sich jedoch, wenn die Kanne ein altes Erbstück, zerkratzt und mit deutlichen Gebrauchsspuren versehen ist. Dann sollten auch das Milchkännchen, die Zuckerzange und das Tischtuch eine nostalgische Note aufweisen. Dabei ist es durchaus wichtig, dass die Gegenstände nicht nur im Retro-Look daherkommen, also auf alt getrimmt sind, sondern im besten Fall tatsächlich alt sind. Es sind winzige Details, kleine Kratzer oder Beulen die dem Betrachter unterbewusst signalisieren: Dieses Bild ist authentisch oder hier wurde nur so getan, als ob.

Sofern eine solche Zusammenstellung in sich stimmig ist, ergibt sich daraus eine kleine Lebenswelt, ein thematisch geschlossenes Bild, das im Extremfall schon in die Lifestyle-,Food- oder Werbefotografie übergehen kann.

Die Inszenierung auf der Meta-Ebene
Oft genug geht es Stillleben-Fotografen aber eben nicht um ein in sich geschlossenes Ganzes, sondern darum, den Betrachter mit einer auf den ersten Blick nicht passenden Zusammenstellung zu irritieren. Gerade diese bewusst herbeigeführte Störung bringt den Betrachter dazu, sich stärker mit dem Bild auseinanderzusetzen und über die Zusammenstellung und deren Bedeutung nachzudenken. Damit solch ein Bild gelingt, muss es natürlich auf den zweiten oder dritten Blick auf einer übergeordneten, einer Meta-Ebene einen Sinn ergeben.

Dies kann beispielsweise der Fall sein, wenn alle Bildelemente die gleiche Farbe, Struktur oder Form aufweisen oder sie gemeinsam mosaikartig ein anderes Bild ergeben. Aber auch inhaltlich können die Einzelelemente sich zu einem übergeordneten Begriff oder Thema zusammenfinden – ähnlich wie bei einem Bilderrätsel. Dafür müssen die einzelnen Gegenstände entweder einen bestimmten Namen oder eine klare Symbolik besitzen, auf jeden Fall sollten sie bei den meisten Betrachtern eine ganz bestimmte Assoziation auslösen.

Die passende Zusammenstellung

Hintergrund und Umgebung
Ganz egal, für welche Art von Stillleben Sie sich letztendlich entscheiden, über eines sollten Sie sich immer gesondert Gedanken machen: über den Hintergrund. Anders als in vielen anderen fotografischen Genres passt ein glatter, einfarbiger Hintergrund so gut wie nie zu einem atmosphärisch dichten Stillleben. Das wirkt unverbunden wie ein Freisteller aus der Supermarktwerbung – lieblos vor einer farbigen Fläche drapiert. Außerdem bringt es den Betrachter dazu, die gesamte Komposition nicht als authentisches Ganzes, sondern als künstlich und arrangiert zu empfinden. Stattdessen sollte der Hintergrund selbst zu einem inhaltlich wichtigen Element des Bildes werden und so die jeweilige Wirkung des Stilllebens unterstützen.

Um das zu erreichen, gibt es zwei Ansätze. Entweder Sie inszenieren das Bild direkt vor Ort, also in einer Umgebung, in der die Gegenstände stimmig zur Geltung kommen, das wirkt in der Regel am authentischsten. Das kann ein spinnenwebverhangenes Fenster ebenso sein wie ein umgestürzter Baum, ein gepflasterter Weg, ein Kamin oder eine Küchenarbeitsplatte. Ihrer Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt. Oder Sie suchen ein ganz spezielles, zum Motiv passendes Hintergrundmaterial und setzen dieses ganz gezielt unter Studiobedingungen ein. Sammeln Sie für solche Bilder über einen längeren Zeitraum alles Mögliche, was sich als Hintergrund eignen könnte: Holz, Metall, Stoffe, Geschenkpapier oder Tapeten. Wichtig ist nur, dass der Hintergrund über eine deutlich sichtbare Struktur verfügt und sich mit Farbe, Struktur und Muster in die Gesamtkomposition einfügt. Wenn Sie jedoch nur über einen einfarbigen Hintergrund, zum Beispiel einen Studiohintergrund aus Papier verfügen, können Sie natürlich auch mit Licht und Schatten Variation ins Bild bringen.

Stillleben beleuchten

In diesem Genre haben Sie, was das Licht anbetrifft, jede Menge Spielraum für Improvisation und Spielerei. Denn die Art der Lichtquelle ist hierfür vollkommen nebensächlich. Da es sich ja um relativ kleine Motive handelt,benötigen Sie keine starke Lichtleistung und können auch auf Glühbirnen, Taschenlampen oder sogar Kerzen zurückgreifen. Sofern Sie digital fotografieren, bereitet deren teils starke Einfärbung des Lichts auch keineProbleme. Achten Sie lediglich darauf, dass Sie nur eine Art von Leuchtmitteln verwenden und nehmen Sie hierfür einen manuellen Weißabgleich vor, um realistische Farben zu erreichen. Natürlich können Sie den Farbstich auch ganz gezielt einsetzen und Ihrem Stillleben dadurchglaubhaft eine farbig-emotionale Atmosphäre verleihen. Außerdem arbeiten Sie ja in der Regel auch mit einem Stativ, sodass lange Verschlusszeiten ebenfalls kein Problem darstellen.

Was die Art des Lichts angeht, so wird bei den meisten Stillleben ein weiches Licht verwendet, das entweder frontal oder von der Seite auf die Gegenstände fällt. So werden die einzelnen Bildelemente entweder farblichrichtig herausgearbeitet oder die Formen und Strukturen der Oberflächen dreidimensional herausgearbeitet. Gegenlicht und Licht von unten wird im Stillleben vergleichsweise selten eingesetzt, da das zu einer für diesesGenre zu aufregenden und lebendigen Bildsprache führt. Aus dem gleichen Grund ist auch hartes Licht seltener zu finden, auch weil dadurch schnell einmal die Details der Gegenstände im völlig Schwarzen verschwinden. Gleichzeitig werden jedoch Schatten recht häufig eingesetzt, um große Flächen im Hintergrund oder störende Details in den Motiven selbst zu reduzieren.

Eine klassische Lichtführung im Stillleben ist eine einzelne Lichtquelle mit weichem Licht von schräg vorne, die durch kleine Aufheller oder einen zweiten, kleinen Spot unterstützt wird und dabei deutlich sichtbare chatten erzeugt. Wenn es zu Ihrer Idee passt, gehen Sie gerade bei der Beleuchtung ruhig einmal andere Wege und schaffen Sie so Stillleben, die schon auf den ersten Blick anders wirken als gewohnt.

Stillleben gestalten

Auch was die Gestaltung angeht, sind Stillleben in der weit überwiegenden Zahl der Fälle eher ruhig und statisch aufgebaut. Der Blick auf die Gegenstände erfolgt frontal oder leicht von oben, die einzelnen Bildelementesind eher zentral angeordnet, manchmal auch zentriert über die ganze Fläche verteilt. Dabei sollten Sie es eher vermeiden, die einzelnen Motivteile nebeneinander zu platzieren. Das verleiht dem Bild eine sehr flächige unddamit künstliche Anmutung und verhindert, dass die Gegenstände sich zu einer Gesamtheit zusammenfügen. Platzieren Sie sie besser so hintereinander, dass sie einander zwar leicht überdecken, jedoch immer gut zu erkennen sind. Achten Sie auch bei der Befestigung darauf, dass jeweils zu erkennen ist, worauf jedes einzelne Element liegt. Wenn ein Gegenstand unerklärlich in der Luft oder in einem schwarzen Schatten zu schweben scheint, wirkt dieses unangenehm künstlich wie bei einerschlechten Bildmontage. Vermeiden Sie auch schräg fixierte Gegenstände, die aussehen, als müssten Sie laut Schwerkraft eigentlich umfallen.

<pclass=“spacing-bottom“>Was die Farben betrifft, so richten Sie diese auf die von Ihnen gewünschte Bildwirkung aus, vermeiden aber ein zu starkes Durcheinander an Farben, um den Betrachter nicht zu verwirren. Gerade die Farben können Sie in derdigitalen Nachbearbeitung sehr einfach anpassen und innerhalb einer Farbfamilie aufeinander abstimmen. Bei den klassischen, düsteren Stillleben kann das recht einfach durch eine über- oder Unterlagerung des gesamtenBildes mit einer Struktur erfolgen, die dem Ergebnis die Anmutung eines alten Gemäldes verleiht. Auch eine leichte Entsättigung zusammen mit einer deutlichen Reduzierung der Helligkeit gleicht die Farben an und schafft eine stimmige Gesamtkomposition.

Zufällige Stillleben

Neben der Imitation altertümlicher Gemälde und der übertragung der Stilllebencharakteristik in eine moderne Bildsprache gibt es jedoch noch eine dritte Kategorie, die es durchaus verdient, zu dem Genre der Stilllebenfotografie dazugerechnet zu werden: Die zufälligen Arrangements von leblosen Dingen, die sich überall und zu jeder Zeit finden lassen: Liegengebliebenes, Vergessenes, Verlorenes.

Zufällige Stillleben

Ein wesentlicher Unterschied dieses Genres liegt darin, dass die Kombination nicht absichtlich, sondern zufällig erfolgt, und vom Fotografen nur noch entdeckt und im Bild umgesetzt werden muss. Meist erfolgt dieses Entdecken in einem humorvollen oder zumindest paradoxen Kontext, da nur Gegenstände, die in einem lustigen oder kuriosen Umfeld zu finden sind, überhaupt auffallen und als Motiv geeignet sind. Die Schwierigkeit solcher Bilder liegt zum einen darin, das Motiv überhaupt zu entdecken und zum und stimmig zu inszenieren. Denn anders als beim klassischen Stillleben ist hier das Arrangieren der einzelnen Gegenstände natürlich verpönt. cb/gb