Für gute Straßenfotografie muss man nicht um die Welt reisen. Überall, wo sich Leben im öffentlichen Raum abspielt, wo sich Zeichen menschlicherm Besiedlung finden, kann man besondere Bilder fotografieren. Man muss nur ein Auge dafür haben und manchmal auch etwas Geduld aufbringen.

Was ist eigentlich Straßenfotografie? Das Bild einer Autobahn? Ja, vielleicht auch, aber Straßenfotografie ist sicher mehr. Sie zeigt Spuren des Alltags im öffentlichen Raum. Das schließt den Menschen natürlich mit ein, doch kann er dabei durchaus auch Randfigur im Geschehen sein. Er kann in den Fotos sogar abwesend sein und sich lediglich durch seine Spuren manifestieren.

Fototipps für den Urlaub

Spurensucher

Fotoschule: Strassenfotografie

Straßenfotografen sind immer auf der Suche nach Spuren des menschlichen Lebens. Bis heute haben viele Menschen zuerst aufregende Straßenszenen aus New York City im Kopf, wenn sie an Straßenfotografie denken. Aber solche Spuren findet man nicht ausschließlich im urbanen Raum, sondern selbstverständlich auch in entlegenen Dörfchen. Straßenfotografie können Sie nicht nur in Paris, New York oder London betreiben, sondern auch in Nürnberg, Hanau oder Kiel. Zugegeben: In einer turbulenten Metropole wie New York haben Sie es wesentlich leichter, eine aufregende Szene einzufangen und fremde Menschen zu fotografieren. In einer kleinen Stadt, wo Sie als Fotograf gleich auffallen, ist das wesentlich schwieriger und erfordert ein Vielfaches an Geduld.

Henri Cartier-Bresson war einer der stilprägenden Fotografen, der es meisterlich verstand, Bewegung im Bild einzufrieren (der Mann, der über die Pfütze springt) und das Besondere des Augenblicks festzuhalten. Peter Galassi schreibt über dessen frühe Arbeiten: „Das Bestechende an Cartier-Bressons Frühwerk ist, dass er das Augenblickspotenzial der Fotografie bis zu seinen Grenzen ausreizt. In seinen radikalsten Bildern hat der Sprung von der Szene, die sich vor ihm auf der Straße abspielt, zu ihrer statischen Form in der Aufnahme fast etwas Gespenstisches …“

Der Fotograf als Beobachter

Falls Sie fremde Menschen in der Stadt fotografieren möchten, ist es natürlich praktisch, wenn Sie nicht allzu sehr auffallen. Versuchen Sie unsichtbar zu werden, damit sich die Menschen von Ihnen nicht gestört fühlen. Dazu eignet sich besonders eine kleinere Kamera mit kurzer Brennweite. Unauffällige Kleidung in gedeckten Farben trägt ebenfalls dazu bei, dass man nicht die Blicke auf sich zieht wie der sprichwörtliche bunte Hund. Lernen Sie ein Gespür für den Ablauf eines Geschehens zu entwickeln, um im richtigen Moment auszulösen. Wenn man ausreichend Zeit hat oder immer wieder an einen Ort zurückkehren kann, sollte man sich bei einem ruhigen Stadtspaziergang ohne Kamera zunächst eine Übersicht verschaffen und nach geeigneten Motiven oder Hintergründen für gute Szenen Ausschau halten. Später kehren Sie dann zum Ort zurück, um zu fotografieren – zum Beispiel wenn das Licht ideal ist, das Wetter die besten Motive verspricht (sei es bei Regen, Nebel, strahlend blauem Himmel oder in der Nacht) oder wenn eine besondere Veranstaltung stattfindet. Eine Strategie, die sich bewährt hat, ist auch, sich zunächst eine Straße oder einen Platz auszuwählen und dort einen Tag in Ruhe zu verbringen, sich treiben zu lassen. Die besten Fotos kommen oft wie von selbst zum Fotografen, wenn man sich Zeit lässt und auch Muße für ein Gespräch mit den Menschen mitbringt. Das hat nicht nur etwas mit Glück zu tun, sondern auch mit der richtigen Vorbereitung.

Wenn Sie Menschen fotografieren möchten, sich aber nicht so recht trauen, sollten Sie überlegen, einen ganzen Tag lang Porträts in der Stadt aufzunehmen. Gehen Sie auf die Menschen zu und fragen Sie, ob ein Foto gestattet ist – Sie werden feststellen, dass Ihnen dies Sicherheit gibt, sobald Sie diese erste Hürde genommen haben. Natürlich sind abgesprochene Porträts keine Straßenfotografie im eigentlichen Sinne, aber wenn Sie darüber den Mut finden, mit Ihrer Kamera auf Menschen zuzugehen, wird Ihnen das für Straßenszenen, die Sie an anderen Tagen aufnehmen wollen, sicher von Nutzen sein. Essenziell für Straßenfotografen ist die Frage nach dem Erlaubten. Veröffentlichen Sie Aufnahmen fremder Personen ohne Genehmigung, können Sie sich ernsthafte Probleme einhandeln. Für Fotografien, die Sie im Ausland aufnehmen, gelten häufig andere Regeln als in Deutschland, über die Sie sich im Vorfeld informieren sollten. In vielen anderen Ländern werden Sie das Fotografieren im öffentlichen Raum leichter und die Menschen viel offener erleben als bei uns. Das Kunst-und Urheberrechtsgesetz erlaubt es dem Fotografen, Bildnisse mit der Kamera festzuhalten, „die nicht auf Bestellung angefertigt sind, sofern die Verbreitung oder Schaustellung einem höheren Interesse der Kunst dient“ (www.gesetze-im-internet.de/kunsturhg/__23.html). Doch im Zweifelsfall kann das Persönlichkeitsrecht der abgebildeten Person höher bewertet werden als die Freiheit der Kunst. Was das Fotografieren von Menschen angeht, sind Sie also immer am besten beraten, um Erlaubnis zu fragen, zumindest wenn Sie planen, einige Ihrer gelungenen Fotografien beispielsweise im Internet zu veröffentlichen. Die Tatsache, dass es nicht ohne Weiteres erlaubt ist, Fotos fremder Menschen abzubilden, bietet aber auch eine Chance: Das Fotografieren anonymisierter Darstellungen macht im urbanen Umfeld oft Sinn, da es meistens nicht um die Darstellung des Individuums geht. Es gibt verschiedene Techniken, mithilfe derer Sie Menschen so abbilden können,dass man sie nicht erkennen kann: Bilder von hinten, mit einer Zeitung vor dem Gesicht, mit Helm oder schlicht unscharf. Sie werden sehen, dass es sich dabei keinesfalls um eine Verlegenheitslösung handeln muss, wenn Sie konsequent vorgehen.

Straßenfotografie gestalten

Strassenfotografie

Wenn Sie die Kamera so halten, dass sich der Sensor parallel zur Bildebene befindet, bilden Sie das Motiv wie auf einer Bühne ab und es unterliegt keiner perspektivischen Verzeichnung. So gelangen Sie zu flachen Kompositionen, die keine Raumtiefe andeuten (siehe Bild auf der linken Seite). Wenn Sie jedoch einen Standpunkt seitlich, von oben oder unten zum Motiv einnehmen, sodass sich eine Verzeichnung ergibt und damit Fluchtlinien im Bild sichtbar werden, so erzielen Sie den Eindruck von Raumtiefe. Je steiler die Fluchtlinien abgebildet werden, umso stärker erscheint uns die Tiefenwirkung des Raums und umso dynamischer wirkt die Komposition. Flache Bildkompositionen hingegen wirken wesentlich statischer. Durch den Einsatz der Blende können Sie ebenfalls Raumtiefe erzeugen. Arbeiten Sie mit offener Blende, kann die geringe Schärfentiefe für eine sehr schöne Plastizität im Bildraum sorgen. Auch die Gestaltung von Vorder-, Mittel-und Hintergrund ist eine Möglichkeit, Raumtiefe zu erzeugen. Wenn Sie durch Staffelungen den Betrachterblick gezielt in Ihr Foto hineinlenken, entsteht eine immense Raumtiefe. Denken Sie bei der Bildgestaltung auch daran, dass ein weiter Raum immens an Tiefe gewinnen kann, indem Sie den Betrachterblick sehr flach am Boden oder Flächen entlangführen. Der beste „tandpunkt“ kann also auch mal am Boden liegend sein.

Visualisierung von Bewegung

Fototipps für den Urlaub

Die Belichtungszeit kann in der Bildgestaltung eingesetzt werden, um Bewegung symbolisch darzustellen oder um schnellste Bewegungen im Bild einzufrieren. Kurze Belichtungszeiten ( 1/500 Sekunde und kürzer) können die Wassertropfen eines Springbrunnens im Foto buchstäblich zu Eiswürfeln gefrieren lassen, Sprinter im Lauf festhalten und kleine Kinder im Sprung zur Skulptur erstarren lassen. Je schneller die Bewegung des Objekts ist, umso kürzer muss die Verschlusszeit sein, damit die Bewegung wirklich sauber eingefroren wird. Daher ist dies am besten bei hellem Tageslicht möglich, weil man dann weniger lang belichten muss. Sogenannte „Mitzieher“ sorgen durch einen Trick für Dynamik im Bild. Wenn ein Objekt oder eine Person, die sich in Bewegung befindet, vorbeikommt, erfassen Sie es/sie mit der Kamera und ziehen diese parallel zur Bildebene in der Geschwindigkeit des Motivs mit, während Sie die Kamera dabei einmal oder mehrmals auslösen. Dies führt dazu, dass der Hintergrund verwischt, während das sich in Bewegung befindliche Motiv wie in der Bewegung eingefroren scheint. Die Technik des Mitziehens erfordert relativ viel Übung und ein gutes Einschätzungsvermögen von Geschwindigkeiten. Idealerweise trainieren Sie zuerst mit nicht allzu schnellen Objekten. Lange Belichtungszeiten (1/15 Sekunde und länger) setzt man gezielt ein, wenn Bewegung im Bild symbolisch dargestellt werden soll, beispielsweise eine rennende Person vor einem unbewegten Hintergrund. Je schneller sich eine Person bewegt und je länger die Belichtungszeit, umso stärker wird die Bewegungsunschärfe und desto schneller erscheint die Bewegung dem Betrachter. Je weiter der Kamerastandpunkt vom Objekt entfernt ist, umso weniger stark macht sich übrigens eine leichte Bewegungsunschärfe des Objekts bemerkbar. Bei wenig Licht sind lange Belichtungszeiten eher möglich als bei strahlendem Sonnenschein. Ein Mangel an Licht kann also durchaus von Vorteil sein, wenn Sie Ihr Motiv bewegungsunscharf abbilden wollen.

Haben Sie ruhig Mut zur Serie

Während ein schönes Einzelbild durchaus auch ein glücklich erwischter Schnappschuss sein kann, erfordern Serien und Essays eine konzeptionelle Herangehensweise. Aber die Mühe lohnt sich allemal. Eine gelungene Serie, ein gelungener Essay erzählt viel mehr über einen bestimmten Ort oder ein ganzes Thema, als ein einzelnes Foto dies kann. Es gibt unzählige Themen für Fotoserien, Sie müssen eigentlich nur eines aussuchen, das Sie begeistert. Ein paarBeispiele: Wasserspeier an alten Häusern, farbige Haustüren, Damen mit Hüten, Menschen, die Einkaufsbehältnisse tragen, Schaufensterfronten, Würstchenbuden, Regenschirme usw. Eine abgeschlossene Serie können Sie dann zu einem kleinen Fotoheftchen oder einem schönen Buch zusammenfassen oder auf Ihrem Fotoblog präsentieren.