Schon der Begriff Streetfotografie erinnert uns an die alten Meister der Schwarz-Weiß-Fotografie, an die frühen Klassiker der Fotogeschichte, an das Besondere der Fotografie an sich. Nicht nur deshalb handelt es sich um ein sehr edles Genre, das eigentlich ganz gewöhnliche Motive außergewöhnlich darstellt.

Streetfotografie

Mit der Fotografie wird immer ein Sekundenbruchteil aus dem Laufe der Zeit herausgelöst und sichtbar gemacht. Das betrifft alle fotografischen Genres gleichermaßen, doch findet es in der Streetfotografie seine Königsdisziplin. Denn hier lebt und stirbt das Bild allein durch den perfekten Moment aus Menschen, Umgebung, Beobachtung und Zufall. Denn eine Streetaufnahme ist mehr als das unbemerkte Abbild eines zufällig vor Ort gewesenen Menschen. Nein, sie ist vielmehr die bewusste oder intuitive, rasend schnelle Zusammenstellung verschiedener Kombinationen, die in Wirklichkeit vielleicht vollkommen unabhängig voneinander und zufällig auftraten, aber für den Betrachter des Bildes neu zusammengebracht werden. Das Ergebnis lässt etwas Neues entstehen und überzeugt durch Raffinesse, Humor, Ästhetik oder Schönheit, die für den Vorübergehenden wohl unbemerkt geblieben wäre.

Der Augenblick

Dennoch ist das eigentliche Herzstück der Streetfotografie etwas ganz anderes: der eine und besondere Moment. Irgendetwas Besonderes ereignet sich im Strom der Zeit und ein Fotograf ist zur Stelle, um genau diesen einen Moment zu sehen und dessen Besonderheit zu erkennen. Solch ein Moment kann alles Mögliche sein: Zeitungsblätter, die über einen Platz tanzen, der Sprung eines Kindes über eine Pfütze, ein durch den Wind vom Kopf gefegten Hut, zwei Personen mit ähnlicher Kleidung und gleicher Körperhaltung, das zufällige Aufeinandertreffen von verschiedenen Objekten gleicher Farbe und Form oder der Schatten eines Baumes, der auf ein paar am Boden liegende äpfel fällt. Besonders reizvoll werden solche Aufnahmen immer dann, wenn sie starke inhaltliche Kontraste zeigen: Der Obdachlose vor der Designerboutique, eine amisch gekleidete Person am Big Apple oder ein Ford Mustang neben einer Pferdekutsche.

Festbrennweite oder Zoom?

Genau das muss ein gutes Streetbild leisten: Es muss in einer ganz gewöhnlichen Umgebung aus dem urbanen Raum etwas vollkommen Ungewöhnliches enthalten, das ein Bild zu etwas Besonderem macht. Wenn es dann noch gut gestaltet und technisch akzeptabel und im richtigen Moment aufgenommen wurde, hat es das Zeug zu einem Klassiker, ganz egal, ob es lustig, nachdenklich, fröhlich, abstrakt, düster oder traurig wirkt.

Es gibt jedoch auch Fotos, die ausschließlich einen besonderen Moment festhalten – das Lachen eines Menschen, zwei Menschen die einander umarmen oder einen Menschen mit außergewöhnlichem äußeren. Wenn nur das auf dem Bild zu sehen ist, fehlt genau diese örtliche Verankerung im urbanen Raum. Ohne das Flair der Straße, herausgelöst aus der Umgebung kann so ein Foto nur ein – wenn auch manchmal ganz außerordentlich gut gelungener – Schnappschuss sein, aber niemals ein Streetbild.

Entdecken, Sehen und Vorausahnen

Die Kunst bei Streetbildern ist, schnell genug zu sein, um den Moment festzuhalten – idealerweise auch noch gut gestaltet und technisch einwandfrei. Nur selten hat man genügend Zeit, die Kamera auszupacken, Belichtung und Gestaltung in Ruhe zu wählen und dann das perfekte Bild zu machen. Sehr oft handelt es sich um Situationen, die nur wenige Sekunden Bestand haben, manche sogar nur einen einzigen Augenblick. Einige dieser Bilder entstehen dadurch, dass der Fotograf so schnell und geistesgegenwärtig ist, diesen Moment zu sehen, die Kamera hochzureißen und auszulösen, in der Hoffnung, dass die eingestellten Belichtungswerte oder die Automatik das Bild richtig einfangen. Meist aber sind solche Bilder das Ergebnis von viel Fantasie, Planung, unglaublich viel Erfahrung und einer Menge Geduld. Denn versierte Streetfotografen gehen gezielt auf Fotopirsch durch den Großstadtdschungel. Die Kamera auf die jeweils bevorzugten Automatiken eingestellt, lassen sie sich durch die Menschenmengen treiben und halten die Augen offen für die zufälligen Arrangements, suchen ganz gezielt nach den flüchtigen Begegnungen des Komischen, Anrührenden oder Absurden. Dieser Flow, die Konzentration auf das Unerwartete verkürzt die Reaktionszeit immens, wenn es dann eintritt. Allerdings können solche Motive weder geplant noch herbeigeführt werden und so braucht ein Streetfotograf eine extrem hohe Frustrationstoleranz, wenn er wieder mal ohne fotografische Beute nach Hause zurückkehren muss.

Einige Motive und Situationen kann man jedoch auch kommen sehen, weil sie sich über einen kleinen Zeitraum hinweg anbahnen und entwickeln. Wenn zwei fotogene Personen sich an einer Ampel gegenüberstehen, muss man nur auf Grün warten, damit sie einander auf dem Zebrastreifen begegnen. Wenn Sie jemanden sehen, der laufend einen Bus zu erreichen versucht, können Sie abschätzen, wann er über das fotogene Kopfsteinpflaster im Gegenlicht springen wird. Das lässt dem geübten Fotografen genügend Zeit, eine optimale Position, den richtigen Bildausschnitt und eine gestalterisch passende Blende-Zeit-Kombination zu wählen. Ganz komfortabel wird es, wenn Sie das Bild schon fast fertig vorfinden und nur noch ein kleines Detail fehlt, um das Streetbild zu komplettieren. Dann brauchen Sie oft nur zu warten, bis eine Person mit einem bunten Regenschirm vorbeikommt, ein Vogel sich an der gewünschten Stelle niederlässt oder ein vorbeifahrendes Auto einen Lichtfleck an die richtige Stelle reflektiert.

Architektur

Architektur

Streetaufnahmen entstehen, wie der Name schon sagt, auf den Straßen des städtischen Raumes mit der vorhandenen Architektur als Kulisse. Nicht selten wird ein Streetbild zu großen Teilen durch eine besonders sehenswerte Architektur beherrscht, doch bleibt diese dennoch immer nur das Setting, immer nur ein Teil des Streetbildes, das ein weiteres, wichtiges und dominierendes Element benötigt. Dieses Element übernimmt die Aufgabe, das Besondere des Bildes, den eingefangenen zufälligen Moment zu zeigen. In den überwiegenden Fällen ist dies ein Mensch oder mehrere Personen, doch in selteneren Fällen kann es sich dabei auch um ein Tier, ein Auto, etwas Liegengebliebenes oder Vergessenes handeln.

Hat es Ihnen die auf der Architektur basierende Streetfotografie angetan, so gestalten Sie Ihre Aufnahmen im Grunde genommen wie eine gewöhnliche Architekturaufnahme. Das heißt, sie konzentrieren sich auf die Grafik der Gebäudelinien und gestalten damit ein Bild, das entweder die Dreidimensionalität des Gebäudes durch eher schräge Flucht- und/oder stürzende Linien dynamisch und lebendig hervorhebt, oder die Gebäudeflächen zu einer ruhigen, eher zweidimensionalen Komposition verbindet.

Die Wahl von Graustufen unterstreicht dabei die Grafik noch einmal stärker, während Farbaufnahmen ganz andere Bildwirkungen ermöglichen, wenn beispielsweise eine einzelne Fläche zu dem Grau-in-Grau des Betons in Beziehung esetzt wird.

Haben Sie eine wirkungsvolle Zusammenstellung aus Kameraperspektive und Bildausschnitt gefunden, welche die Architektur überzeugend darstellt, ergänzen Sie diese durch ein lebendes – oder seltener ein auf Lebendigkeit hinweisendes – Element, das der Aufnahme eine zusätzliche Ebene verleiht und aus dem Architekturfoto eine Streetaufnahme werden lässt. Wobei unter dem Ergänzen nicht das bewusste und gezielte Hinzufügen im Sinne einer Inszenierung zu verstehen ist, sondern das geduldige Warten auf ein passendes Element. Was passend ist, entscheiden Sie dabei entweder spontan, wenn der Zufall verschiedene Personen vorbeikommen lässt, oder Sie haben eine konkrete Vorstellung wie beispielsweise eine rot gekleidete Person und müssen noch mehr Geduld aufbringen, um auf genau dieses Element zu warten.

Es gibt bestimmte Orte in der Stadt, die sich besonders gut für Streetaufnahmen eignen, und zwar vor allem mittelstark belebte Straßen, Treppen, Kirchen, Tore, Plätze, Säulen, da Sie dort auch tatsächlich auf Passanten treffen, die Sie für die Bilder brauchen.

Besonders bekannte Orte und Sehenswürdigkeiten einer Stadt dienen der klar erkennbaren Verortung des Bildes und geben ihm etwas Lokalkolorit mit. Achten Sie darauf, dass dieser nicht zu stark in den Vordergrund tritt, um die Straßenszene nach wie vor als Hauptelement inszenieren zu können.

Nicht selten dient ein Gebäude oder Bauwerk dazu, der Aufnahme eine ganz bestimmte Stimmung zu verleihen, indem eine Stilepoche gezeigt oder spezielle Assoziationen beim Betrachter geweckt werden. Dadurch bekommt das Bild eine weitere Wirkungsebene und könnte den Betrachter stärker fesseln als eine neutraler gestaltete Aufnahme. Deshalb kann es sich durchaus lohnen, in einer Stadt gezielt nach solchen Orten zu suchen und diese dann durch eine Streetszene zu ergänzen.

Arbeiten Sie dabei entweder mit stimmigen, harmonischen Kombinationen aus zueinander passenden Elementen – wie eine Nonne vor einer Kirche – oder überraschen Sie den Betrachter durch Kontraste, indem Sie dem architektonischen Stil eine Person entgegensetzen, die auf den ersten Blick nicht passen will, sich aber auf den zweiten Blick durch Farben, Gehrichtung, Bewegungsgrafik oder ähnlichem zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenfügt.

Formen und Flächen

Je kleiner die Architektur im Bild ausfällt beziehungsweise je weniger erkennbar sie wird, desto stärker rückt die Person oder das eigentliche Motiv in den Vordergrund. Dann wird die Szene vor der Kulisse abstrakter Formen und Flächen gezeigt. Solche grafischen Hintergründe machen eine Streetaufnahme ruhiger, universeller, losgelöster und abstrahiert von einem konkreten Ort. Der durch die Architektur getragene Wiedererkennungswert sinkt, und das Bild kann im Grunde genommen überall, auf jeder beliebigen Straße in jeder beliebigen Stadt entstanden sein. Dadurch steigt das Identifikationspotenzial des Bildes, es kann viel mehr und unterschiedliche Betrachter ansprechen.

Gestalten Sie abstrakte Umgebungen so, dass sie das eigentliche Streetmotiv entweder inhaltlich passend unterstützt oder einen deutlichen Kontrast dazu bildet. Achten Sie darauf, dass der Hintergrund auch wirklich Nebenelement bleibt und nicht zu unruhig und dadurch ablenkend gestaltet wird. Begrenzen Sie dafür die Menge an Linien, Farben und Formen sowie insgesamt die Zahl der Elemente im Bild. Lassen Sie schräge Linien in die Bildecken laufen, um sie zu fixieren und schneiden sie von oben nach unten laufende Linien am oberen oder unteren Bildrand an. Der Hintergrund sollte aber auch nicht zu ruhig wirken, da die Grenze zur Langeweile dann oft fließend ist.

Formen und Flächen

Menschen

Die i-Tüpfelchen auf den Streetbildern sind und bleiben jedoch immer wieder die Menschen. Manchmal fungieren sie nur als kleine austauschbare Figuren, die das Bild auflockern oder als Hingucker oder als lebendige Formen in einer unbelebten Umgebung. Achten Sie in diesem Fall ganz genau darauf, dass sie sich an der richtigen Stelle im Bild befinden sowie auf die Bein- und Armstellung. Die sehr kurze Auslöseverzögerung von DSLR-, SLT- oder mancher Systemkameras ist unabdingbare Voraussetzung, um den richtigen Moment zu erwischen, außerdem hilft Ihnen die Serienbildschaltung dabei.

Manchmal sind die Menschen jedoch auch selbst der inhaltliche Bedeutungsträger des Bildes, das eigentliche Hauptmotiv – mal in direkter Interaktion mit dem Fotografen, mal ohne. Menschen, die etwas Bestimmtes tun wie miteinander reden, einander umarmen, sich küssen, weinen, Kinderwagen schieben oder einsam in die Gegend gucken, werden so ebenso zum Motiv wie einzelne Menschen, die aus der Masse herausstechen.

Menschen

Deren individuellen Eigenheiten wie ausdrucksstarke Gesichter, besondere Frisuren oder Bärte, grelles Make-up, außergewöhnliche Kleidung, Hüte, auffällige Accessoires oder der Hund an der Leine ergeben zusammen mit der Umgebung ein meist sehr stark emotionales Streetbild. Nicht erst seit dem Aufkommen von Street-Fashion-Blogs sind schräge Outfits oder bizarre Stylings ein starkes Motiv.

Sobald die unfreiwilligen Modelle jedoch merken, dass sie fotografiert werden, konzentrieren sie sich auf die Kamera und verändern ihr Verhalten. Deswegen sind kleine und unauffällige Kameras mit hoher Qualität und gemäßigtem Formatfaktor – also Systemkameras im APS-C- und Four-Thirds-Format – ideal für Streetbilder.

Diese werden nicht so leicht bemerkt und auch nicht so ernst genommenwie ihre großen, professioneller und bedrohlicher wirkenden DSLR-Schwestern. Mit einem klappbaren Monitor, der gegebenenfalls schnelles und einfaches Fokussieren über einen Touchscreen ermöglicht, können Sie oft völlig unbemerkt auch aus der Hüfte gezielt fotografieren.

Rechtliches

So spannende Motive Menschen aber auch abgeben mögen, so schwierig ist ein unbemerktes Ablichten der jeweiligen Personen – sowohl moralisch als auch rechtlich. Deswegen sollten Sie in diesem Genre ganz besonders sensibel mit den Menschen vor Ihrer Kamera umgehen und – so weit dies möglich ist – nach der Aufnahme mit der betreffenden Person reden, ihr das Bild zeigen und um eine Veröffentlichungserlaubnis bitten. Auf jeden Fall sollten Sie sich aber auch mit der rechtlichen Lage auseinandersetzen.

In Deutschland gibt es das Recht am eigenen Bild, das heißt, dass grundsätzlich jeder auf einem Foto abgebildete Mensch das Recht hat, eine Veröffentlichung dieses Bildes zu erlauben oder zu untersagen. Für einige Einzelfälle wurde dieses Recht in Gerichtsurteilen schon so weit ausgelegt, dass sogar ein Rechtsanspruch auf Unterlassen des fotografiert Werdens sowie ein Anspruch auf Löschen bereits gemachter Bilder besteht. Dies gilt jedoch bisher eher für kompromittierende und peinliche Momente. Bilder von Menschen dürfen also nur dann veröffentlicht werden, wenn die Person dem zugestimmt hat. Um diese Einwilligung im Streitfall beweisen zu können, bietet sich ein schriftlicher Vertrag an, manchmal geht diese aber auch aus konkludentem Verhalten hervor, zum Beispiel, wenn auf dem Bild erkennbar ist, dass die Person posiert und aus den Gesamtumständen bei der Aufnahme bereits eine Veröffentlichung zu erwarten war. In der Streetfotografie ist dieses Vorgehen jedoch nicht nur extrem unpraktisch, sondern oft auch unmöglich. Denn selbst wenn Sie einen Vertrag dabeihätten, würde kaum jemand diesen einfach so unterschreiben.

Es gibt jedoch auch ein paar Ausnahmen, bei denen die Einwilligung der jeweiligen Person für eine Veröffentlichung nicht erforderlich ist. Die ist immer dann der Fall, wenn:

  • der Mensch nicht erkennbar ist. Allerdings wird dies sehr eng ausgelegt, selbst enge Bekannte der Person dürfen diese auch aus dem Zusammenhang nicht erkennen.
  • der Mensch erkennbar nur Beiwerk ist. Dieses Kriterium ist nur für den Einzelfall und das einzelne Foto prüfbar. Bei Streetaufnahmen, bei denen der Mensch jedoch ein bildwichtiges Element ist, wird diese Ausnahme nicht greifen.
  • der Mensch eine Person des öffentlichen Lebens ist. Jedoch wird auch dort die Rechtsprechung schärfer, wenn es um den Schutz der Privatsphäre geht.
  • es der Berichterstattung über ein konkretes Ereignis dient, was bei der Streetfotografie eher weniger der Fall ist.
  • das Bild bei einer öffentlichen Veranstaltung aufgenommen wurde und die Veröffentlichung im weitesten Sinne mit dieser im Zusammenhang steht.
  • das Bild durch die Freiheit der Kunst geschützt ist. Hierauf spekulieren sicherlich die meisten Streetfotografen, ob das jeweilige Foto aber tatsächlich als Kunst zu werten ist, kann nur im Einzelfall von Bild zu Bild geklärt werden.

Gerade die Streetfotografie ist also ein rechtlich extrem unsicheres und nicht eindeutig geklärtes fotografisches Genre, eine bestimmte Handlungsempfehlung kann deswegen nicht gegeben werden. Hier hilft es, insbesondere vom moralischen Aspekt her, sich auf das eigene Bauchgefühl zu verlassen und sich so zu verhalten, wie man es selbst gerne hätte. Das Fotografieren in diesem hochspannenden und anspruchsvollen Genre sollte man sich dadurch jedoch nicht vermiesen lassen. Nach der Aufnahme das Gespräch mit den Leuten zu suchen, ist nämlich auch ungemein abwechslungsreich und spannend – auch wenn man mit der einen oder anderen Absage leben muss. cb/gb