Winterfotografie

Die Temperaturen fallen, die Tage werden kürzer und ganz nebenbei eröffnet sich ein Motivfeld der besonderen Art. Denn der wahre Fotobegeisterte lässt sich vom Winter nicht abhalten, sondern lädt ihn ganz im Gegenteil gezielt vor seine Linse.

Wenn Sie sich in der kalten Jahreshälfte mit der Kamera auf Motivsuche begeben, können Ihnen Bilder gelingen, die im Sommer einfach undenkbar wären. Doch gleichzeitig stellt die Winterfotografie ganz bestimmte Anforderung an die Ausrüstung sowie die technische Umsetzung der Bilder.

Wintermotive

Dichter Nebel liegt über der Landschaft, die letzten Blätter fallen auf den nassen Boden, immergrüne Bäume heben sich von der tristen Umgebung ab, eine glitzernde Schneeschicht lässt alles verschlafen wirken, dicke Eiszapfen hängen von der Regenrinne oder dicke Flocken fallen vom Himmel – der Winter hat viele Gesichter. Je nach Wetterlage zeigt er sich von seiner tristen oder von seiner eingeschneiten Seite. Wenn Sie also in diesem Winter vorhaben, das eine oder andere beeindruckende Winterbild zu fotografieren, dann sollten Sie den Wetterbericht nicht aus den Augen verlieren und den Tag am besten gleich morgens mit einem Blick aus dem Fenster beginnen. So verpassen Sie weder den dichten Morgennebel noch den Neuschnee, der über Nacht alles mit einer dicken weißen „Puderzuckerschicht“ überzogen hat und am frühen Morgen noch völlig unberührt ist.

Erscheint Ihnen die aktuelle Wetterlage fotogen, so packen Sie nach Möglichkeit gleich Ihre Sachen und machen sich auf den Weg nach draußen. Denn ein paar Stunden später oder am nächsten Tag, geschweige denn am nächsten Wochenende ist oft schon wieder alles ganz anders: Der Schnee wurde mehrfach von den Räummaschinen zusammengeschaufelt und hat mittlerweile die Farbe von Matsch angenommen und Unberührtheit suchen Sie vergebens.

Doch nicht nur die freie Natur bietet Unmengen von winterlichen Motiven wie eingeschneite Tannen, zugefrorene Seen, schneebedeckte Felder, Nebelschwaden oder kahle äste, sondern auch die Stadt und bewohnte Gegenden haben einiges zu bieten. Auch hier finden sich im Neuschnee beeindruckende Formationen wie vereinzelte Fußspuren, eingefrorene Autos, vereiste Brunnen, Eiszapfen an Regenrinnen oder Kristalle an Schaufensterscheiben.

Wie in jedem fotografischen Genre gilt es schlicht, die Augen offenzuhalten und sich nicht irritieren zu lassen von“dem richtigen Motiv“. Denn das gibt es gar nicht. Mitunter geistern bestimmte Vorstellungen davon in unseren Köpfen umher und wer seine Zeit damit verbringt, genau diese Gedächtnisbilder nachzufotografieren, verpasst vielleicht ein viel besseres, aber auf jeden Fall individuelleres Motiv.

Sonne und Farbe

Nicht nur die Landschaft an sich birgt sehr fotogene oder weniger gut geeignete Motive, sondern auch und ganz besonders die herrschenden Lichtsituationen. Ohne gutes Licht sind die wenigsten Bilder überzeugend, weshalb Sie auch in der Winterfotografie auf die Suche nach interessanten Lichtsituationen gehen sollten: Helles Sonnenlicht bringt die Schneedecke zum Leuchten und lässt Eiskristalle glitzern; Gegenlicht betont die Konturen einiger raureifbesetzter äste oder bringt transparente, vom Herbst übrig gebliebene Blätter zum Leuchten. Sonne bringt Leben in die Bilder, weshalb sich gerade an klirrend kalten, sonnigen Wintertagen der Fotoausflug lohnt.

Auch die Farben verändern sich im Winterhalbjahr: Alles wird blässlich, Grau- und Brauntöne dominieren die Natur und bei Schnee verschwindet alles unter einer farblosen Schicht. Hier lohnt es sich gezielt, nach den wenigen bunten Farben zu suchen, die noch zu finden sind: eine Vogelbeere oder Hagebutte, das Grün der Tannen, das tiefe Blau des Himmels.

In Kombination mit dem unbunten Grau-in-Grau bekommt das bisschen Farbe eine bedeutende Eyecatcher Rolle im Bild, was manchmal schon für ein richtig tolles Motiv genügt.

Oder Sie „denken“ monochrom und fotografieren die Landschaft tatsächlich in Schwarz-Weiß oder gestalten sie so als würden Sie es tun. Der kleine, dennoch vorhandene Farbanteil wird Ihren Aufnahmen eine unterschwellige emotionale Wirkung verleihen. Der hohe Anteil an unbunten Farben lässt aber die Grafik deutlich in den Vordergrund treten.

Sonne und Farbe

Alltag oder Urlaub

Natürlich klingt es einfacher als es ist, bei gutem Wetter sofort loszulegen – der Alltag mit festen Arbeitszeiten macht das oftmals unmöglich. Mit großer Wahrscheinlichkeit gehören Sie sogar zu denen, die während des Winterhalbjahrs im Dunklen das Haus verlassen und auch erst nach Sonnenuntergang in den Feier abend starten dürfen. Lassen Sie sich trotzdem nicht entmutigen, spannende Winterbilder können auf einem der folgenden Wege trotzdem entstehen: Möglichkeit eins wäre die „Immer-dabei- Kamera“, die es Ihnen ermöglicht, die Motive, die Ihnen begegnen, wirklich unmittelbar festzuhalten, sei es auf dem Weg zur Arbeit oder auch nur bei den letzten Schritten vom Parkplatz ins Büro, in der Mittagspause und direkt nach Feierabend, wenn vielleicht noch etwas Restlicht vorhanden ist.

Möglichkeit zwei könnte die gezielte Kombination von Winter- und Nachtfotografie sein und Sie ziehen deshalb abends nach Feierabend noch einmal los. Dann natürlich bewaffnet mit einem Stativ, das Ihnen lange Belichtungszeiten ermöglicht, um das wenige Licht einzufangen.

Möglichkeit drei ist die geplante Fototour am Wochenende, die Ihnen zwar genügend Zeit lässt, in Ruhe zu fotografieren, Sie aber gleichzeitig auch wettertechnisch vor vollendete Tatsachen setzt: Nehmen Sie sich den einen Samstag im Januar vor, fotografieren zu gehen, können Sie kaum mit einer zauberhaften Winterlandschaft rechnen. Bleiben Sie daher flexibel – entweder verschieben Sie die Fototour mit Blick in den Wetterbericht oder Sie fotografieren das, was Ihnen von der Natur geboten wird. Denn auch triste, graue Tage können eine interessante Atmosphäre ins Bild bringen, wenn Sie sich die Zeit nehmen, nach dem perfekten Motiv zu suchen.

Möglichkeit vier ist die rundum geplante Fotoreise in eine Gegend, die Ihnen mit großer Wahrscheinlichkeit genau das Wetter beschert, das Sie für Bilder von Schnee und Eis benötigen. In höher gelegenen Regionen steigt die Schneewahrscheinlichkeit immens, insbesondere in den Bergen und in ausgewiesenen Skigebieten. Darüber hinaus haben Sie bei einem ausgiebigen Winterurlaub auch genügend Ruhe und Muße für die Fotografie.

Die dunkle Jahreszeit

Die dunkle Jahreszeit

Im Winterhalbjahr sind die Tage kürzer und die Sonne steigt nicht so hoch an den Himmel. Darüber hinaus ist der Himmel häufiger bewölkt und keine direkte Sonne zu sehen. Insgesamt kann man also von der dunkleren Jahreszeit sprechen, die weniger Licht bietet und damit auch das Fotografieren erschwert. Das soll nicht heißen, dass im Winter zu wenig Licht vorhanden ist, schließlich werden wir auch dann immer mal wieder mit sonnigen Tagen belohnt, doch gerade an trüben Tagen kommen Sie durchaus mal an das Limit Ihrer Ausrüstung.

Das bedeutet, für eine richtige Belichtung müssen Sie Ihre Blende vollständig öffnen, die längstmögliche Belichtungszeit wählen, die Sie noch aus der Hand fotografieren können und den ISO-Wert Nach Oben regeln. All das macht es zwar problemlos möglich, richtig belichtete Bilder zu machen, doch werden Sie in Ihrem kreativen Spielraum eingeschränkt, wenn beispielsweise eine hohe Schärfentiefe durch eine relativ weit geschlossene Blende nicht mehr machbar ist oder Sie bei hohen ISOZahlen plötzlich mit unschönem Rauschen zu kämpfen haben. Je nach Motiv können Sie auf die Arbeit mit Stativ ausweichen, büßen dabei aber wiederum einiges an

Flexibilität und Schnelligkeit bei der Aufnahme ein. Außerdem sind die Tage einfach kürzer und die Temperaturen ungemütlicher, weshalb es schwieriger ist, die wenigen helleren Stunden für die Fotografie nutzen zu können

Denn während der übergänge zwischen Tag und Nacht mit der Kamera unterwegs zu sein und Sonnenauf- beziehungsweise -untergang, Dämmerung sowie Blaue Stunde mit ihren charakteristischen Lichtstimmungen zu nutzen, fällt bei Minusgraden schwerer als bei aommerlichen Temperaturen. überwinden Sie sich trotzdem! Es lohnt sich nämlich sehr, dick vermummt loszuziehen und nicht nur eine wunderbare Winterlandschaft vor der Linse zu haben, sondern diese auch noch in das ideale Licht zu tauchen.

Welches Licht konkret ideal ist, liegt dabei hauptsächlich am Motiv. Gerade bei Landschaften sollten Sie viel Zeit investieren und die Gegend dazu wirklich zu unterschiedlichen Tageszeiten erkunden, um zu sehen, wann das Licht Sie ganz besonders überzeugt.

Kamera und Kälte

Möchten Sie bei kalten Temperaturen fotografieren, sind einige Dinge zu beachten. Vor allem anderen ist das die Tatsache, dass sich Akkulaufzeiten bei Kälte mitunter extrem verkürzen. Das heißt für eine längere Tour bei Minusgraden benötigen Sie unbedingt Ersatzakkus für Ihre Kamera, die Sie möglichst in einer Hemd oder Hosentasche transportieren, da Ihre Körpertemperatur verhindert, dass Sie sich entladen, bevor Sie zum Einsatz kommen konnten.

Und auch die Kamera selbst hat Probleme mit kalten Temperaturen, wenn Sie plötzlich ins Warme gehen, zum Beispiel für eine kleine Pause in einem Gasthaus. Der Temperaturwechsel führt dazu, dass das Objektiv und der Sucher beschlagen und sich Kondenswasser bildet, das im schlimmsten Fall die Elektronik der Geräte beschädigen kann. Um das zu verhindern, sollten Sie die Ausrüstung langsam erwärmen, also in einem dichten Plastiksack oder der Kameratasche lassen und eine Weile warten, ehe Sie sie in einem warmen Innenraum wieder herausnehmen und benutzen.

Im Winter belichten

Im Winter belichten

Bei Schneemotiven werden Sie nach der Aufnahme auf dem Monitor Ihrer Kamera feststellen können, dass die Helligkeiten und Farben nicht der Realität entsprechen. Das liegt da ran, dass so weiße Motive von der Kamera nicht sauber umgesetzt werden können. Zum einen ist der interne Belichtungsmesser auf Neutralgrau (18% Grau) geeicht, was dazu führt, dass reines Weiß immer etwas dunkler aufgenommen wird und das Ergebnis zwangsläufig schmutzig-grau wirkt. Um dem entgegenzusteuern, können Sie ersatzweise statt auf den Schnee auf eine graue Fläche messen und den Belichtungswert speichern. Alternativ können Sie in die Belichtungssteuerung eingreifen und den Schnee – aber auch alle anderen reinweißen Motive – prinzipiell ein bis zwei Blendenstufen überbelichten. Entweder fotografieren Sie manuell und wählen die Belichtungseinstellungen entsprechend oder Sie verwenden die Belichtungskorrektur der Kamera, die dann zur Grundlage für halb- oder vollautomatische Belichtungen wird.

Alternativ verwenden Sie eine Graukarte, die Sie vor Ihr Motiv halten und auf der der Blichtungsmesser der Kamera das vorhandene Licht misst. Da diese Karte genau in dem 16-prozentigen Grau gefärbt ist, wird das zu korrekten Helligkeiten und klarem Weiß im Bild führen.

Auch die Farben verändern sich durch das viele Weiß, insbesondere wenn Schnee mit einem strahlend blauen Himmel kombiniert wird. Die Reflexion des Himmels in der weißen Fläche führt bei der Verwendung eines automatischen Weißabgleichs oder der Einstellung „Tageslicht“häufig zu einem Blaustich im Bild. Um diesen zu verhindern, führen Sie am besten einen manuellen Weißabgleich durch, indem Sie den Sucher vollständig mit Schnee füllen und das Bild davon als Basis für den Weißabgleich angeben.

Zu analogen Zeiten war es umso wichtiger, eine Schneelandschaft richtig zu belichten, doch mit der digitalen Fotografie wird es sehr viel einfacher, sobald Sie mit dem RAW-Format arbeiten. Dadurch bleiben Sie in der Helligkeits- und auch Farbgestaltung flexibel, da Sie sowohl die Belichtung als auch den Weißabgleich im Nachhinein im Zuge der RAW-Konvertierung beliebig anpassen können. Achten Sie aber unbedingt darauf, in allen Bereichen, oder zumindest selbe wie für jedes andere fotografische Genre: Gestalten Sie Ihre Aufnahme bewusst und gezielt. Zeigen Sie nur das, was wirklich für den Betrachter interessant ist und blenden Sie alles übrige aus oder reduzieren Sie es zumindest in seiner Dominanz.

Achten Sie darauf, ein Motiv zu finden, das den Betrachter fesselt und fasziniert, damit er es sich freiwillig länger ansehen möchte. Achten Sie auch auf die Linien im Bild, die den Betrachter über die Bildfläche führen sollen und möglichst lange im Bild halten. Das ist gerade bei der winterlichen Landschaftsfotografie ausgesprochen wichtig, da hier die grafischen Strukturen besonders hervortreten.

Und etwas konkreter: Nehmen Sie den Betrachter mit auf Ihren Winterspaziergang und zeigen Sie ihm die Schönheit des Tages. Zeigen Sie faszinierendes Licht, ungewöhnliche Perspektiven, besondere Momente. Spielen Sie mit der Dreidimensionalität, welche die tief stehende Sonne ins Bild bringt – die ex trem langen Schatten geben einer Aufnahme sehr schnell eine Tiefenwirkung, die Winterbildern eigen ist. Setzen Sie das Licht von der Seite oder als Gegenlicht ein, um die Strukturen beziehungsweise Konturen des Motivs zu betonen. Setzen Sie möglichst ungewöhnliche Eyecatcher, die den Betrachter ebenso gefangen nehmen, wie Sie selbst vor Ort – das kann einfach ein ungewöhnlich gewachsener Baum sein, der seine kahlen äste in den Himmel streckt und sich scherenschnittartig von der Umgebung abhebt; das kann aber auch ein Reh sein, dass über die schneebedeckte Fläche springt; das kann eine Tanne sein, deren äste so schwer vom Schnee sind, dass sie beinahe den Boden berühren; es kann vielleicht eine Eisfläche sein, die im Gegenlicht glitzert, oder einfach nur ein Grashalm, an dem ein Tautropfen festgefroren ist.

Was auch immer es ist, was Sie während Ihrer winterlichen Fototour fasziniert, setzen Sie es dominant und auffällig in Szene. Betonen Sie es durch Ausschnitt, Schärfe, Licht und Größe. Nutzen Sie den gesamten Brennweitenbereich, den Ihre Ausrüstung hergibt und machen Sie von dem Landschaftsüberblick bis hin zur Makroaufnahme eines kleinen Schneekristalls jedes Bild, das Ihnen fotogen erscheint.

Sollte im kommenden Winter der ersehnte Schnee so gar nicht kommen wollen – wie es schon oft geschehen ist -, gibt es immer noch die Möglichkeit, die Kamera zu nehmen und in der Stadt zu fotografieren. Dort finden sich weihnachtliche Lichter und unzählige bunte Farben. Weihnachtsmärkte mit reich geschmückten Ständen, dampfenden Glühweintassen, Maroni-Ständen sind ebenso starke Motive wie Weihnachtsmänner, Geschenkverpackungen oder Goldsterne. cb/gb